Michaela Merz

Oto und Henriette – eine kleine Weihnachtsgeschichte

Leave a comment

677448_web_R_by_Andreas Dengs, www.photofreaks.ws_pixelio.deOto und Henriette waren seit Jahrzehnten verheiratet und der nächste runde Geburtstag, der auf beide wartete, war der 80ste. Beide hatten ihre gesundheitlichen Beschwerden, aber im Grunde genommen waren sie zufrieden und glücklich in ihrem bescheidenen Leben. Sie hatten sich selbst und schätzten sich gegenseitig, waren einander immer eine Stütze. Somit hatten sie etwas, was vielen von uns im Leben verwehrt bleibt. Sie beiden hatten es Jahrzehnte.

Kurz vor Weihnachten war Oto erkältet und hütete das Bett. Henriette war am Aufräumen, wollte den Abfall raustragen, die Zeitung holen und die aussortierten alten Kleider in den Wohlfahrtscontainer werfen. Beide Hände voll beladen machte sie sich auf den Weg nach draussen. Sie entsorgte den Müll, ‎warf den Sack mit den Altkleidern in das zu kleine Loch des Altkleidercontainers und marschierte befreit zum Kiosk um eine Zeitung zu kaufen. Erst beim Bezahlen bemerkte sie, dass sie kein Portemonnaie hatte. Der Schreck liess sie erstarren. Sie hatte das Portemonnaie mitgenommen, da sie aber die Hände voll hatte, hatte sie es in den Sack mit den Altkleidern gesteckt, der jetzt in dem Container lag.

So schnell wie sie nur konnte kehrte sie zu dem Container zurück um festzustellen, dass es ihr unmöglich war den einmal reingeworfenen Sack rauszuholen, dafür war das Einwurfloch zu klein und der Deckel fest zugeschraubt und mit einer dicken Kette gesichert. Henriette begann zu weinen, da in ihrem Portemonnaie all ihre Ausweise, Karten sowie ein für sie beachtlicher Bargeldbetrag drin war.

Sie holte Oto, aber der konnte auch nicht helfen, obwohl er meinte, dass er die Kette mit seinem Werkzeug kappen könnte. Nein, er konnte nicht.

Henriette rief die Polizei und es dauerte lange bis es ihr gelang ihr Problem zu erklären. Danach ging alles ruckzuck. Die Polizei kam und bald auch ein Herr vom Altkleidersammeldienst, der den Container öffnete, die oberen Säcke rausnahm und bald das Portemonnaie von Henriette fand. Die überglückliche wollte ihm ein bisschen Bargeld als Dank geben, aber er verweigerte es und erklärte freundlich‎, dass es normal ist, dass jemand etwas reinwirft, was er eigentlich gar nicht reinwerfen wollte. Etwa 2 bis 3 Mal pro Woche muss er ausrücken. Dann sagte er, dass er die Woche zuvor eine Jupe rausholen musste, in die 50‘000 eingenäht waren. Alle verabschiedeten sich und Henriette und Oto kehrten nach Hause zurück.

Aus Dankbarkeit brachte Henriette ein Schachtel voll mit Weihnachtsgebäck zur nächsten Polizeistation. Am Anfang dachten die Polizisten, dass Henriette kommt um sich zu beschweren, aber bald klärte sich das Missverständnis. Offensichtlich kommt es seltener vor, dass man sich bei Polizei bedankt, als dass man wertvolle Sachen in die Altkleidersammlung wirft.

Bildquelle: Andreas Dengs, http://www.photofreaks.ws  / pixelio.de

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s