Michaela Merz

Angst

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715376_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deIn der Brust von Cora schlagen zwei Herzen. Ein Löwenherz, das sie dazu gebracht hatte, dass sie sich in Auseinandersetzungen begab, wo eigentlich von vorne herein klar war, dass sie verlieren musste. Cora war fünf Jahre alt und für ihr Alter unglaublich klein und schmal. In der Vorschulklasse war sie die Kleinste. Dank ihres grossen Gerechtigkeitssinns und ihrer Alphatier-Mentalität war sie wiederholt in Streit verwickelt. Dabei verteidigte sie Freundinnen, die oft einen Kopf grösser waren als sie selber, gegen jemand noch grösseren, der sie beleidigt oder angegriffen hatte. Sehr oft trug sie dann ein paar blaue Flecken davon, aber das machte ihr nichts aus. Sie war eine geborene Kämpferin für Gerechtigkeit und für die Schwächeren.

Das zweite Herz in ihrer Brust war ein Herz eines “Schisshasen”. Sie fürchtete sich vor Dunkelheit, Alleinsein in der Dunkelheit und am meistens vor Toten. Nein, sie hatte noch nie im Leben einen Toten gesehen, aber die Angst davor war bei ihr fast physisch. Sie schaute jeden Abend vor dem Schlafen gehen unter ihr Bett um sich zu vergewissern, dass da kein Toter lag. Gott sei Dank lag da auch nie einer. Cora hatte nie durchgedacht, was sie gemacht hätte, wenn eines Tages tatsächlich ein Toter unter ihrem Bett gewesen wäre. In der Nacht hatte sie sehr oft Alpträume, in denen sie gejagt, verfolgt und verlassen wurde, und die ab und zu so schlimm wurden, dass sie mitten in der Nacht aufwachte. Nur das war fast noch schlimmer, da Cora abgesehen von ihren Plüschtieren allein im Zimmer war. Da gab es niemanden in unmittelbarer Nähe, der ihre Angst durch physische Präsenz hätte mildern können. Wenn die Träume unerträglich wurden, wanderte sie mitten in der Nacht in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Das kam nicht nur ab und zu vor, sondern fast jede Nacht. Auch das brauchte grossen Mut. Sie musste durch den dunklen Korridor, durch die Küche und das Esszimmer an die andere Seite der Wohnung in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Ihre Eltern fanden aber Coras nächtliche Besuche nicht so toll und die Mutter verbot es Cora, sie mitten der Nacht zu wecken.

Coras Löwenherz schämte sich für ihre Angst und sie sprach nie darüber. Mit ihren Eltern nicht, mit ihre Grossmutter nicht, mit den Nachbarskindern nicht und in der Vorschule auch nicht. Niemand wusste, dass sie sich vor Toten fürchtete und dass sie in der Nacht Alpträume plagten. Da sie wusste, dass ihre Mutter wütend sein würde, wenn sie mitten in der Nacht auftauchte, nahm sie die Decke, legte sie auf den Boden vor die Schlafzimmertür, um einfach nur ein bisschen näher zu sein. Immer fand sie sich am Morgen in ihrem Bett wieder, da der Vater als erster aufstand und sie samt Decke in ihr Bett zurücktrug.

Jetzt waren aber Ferien an der Ostsee angesagt. Lange Strände, Sonne, Wind und unendlich viel Sand. Alles was ein Kinderherz begehrt. Am besten gefielen Cora die Strandkörbe. Ausser der Farbe waren alle gleich, aber auch farblich gab es fast keine zwei identischen. Cora durfte nicht allein ins Wasser, aber im Sand konnte sie spielen wie sie wollte und das tat sie auch. Ihre Eltern sassen in einem dieser Körbe und lasen. Alle drei waren sehr zufrieden mit ihren tollen Ferien. Die Woche war eigentlich viel zu kurz und schon war der letzte Tag da. So kurz vor Mittag wollten die Eltern wie jeden Tag Cora holen und etwas Kleines in einem nahegelegenen Bistro essen. Aber Cora war nicht zu sehen. Keiner von beiden war beunruhigt. Cora war sehr gewissenhaft und auch eher vorsichtig und hatte sich nicht über Verbote hinweggesetzt. Wahrscheinlich spielte sie, versteckt irgendwo hinter einem dieser Körbe. Jeder ging in eine andere Richtung um nachzusehen wo Cora steckte. Aber auch nach 10 Minuten war die kleine Cora nirgendwo zu sehen. Die Mutter begann Cora zu rufen. Keine Antwort. Jetzt befiel beide ein sehr unangenehmes Gefühl. Das Kind war doch noch sehr, sehr klein. Sie fragten und riefen, aber niemand hatte Cora kürzlich gesehen. Von Cora fehlte jede Spur. Da verfiel die Mutter in Panik. Der Vater rief die Polizei zu Hilfe. Es dauerte nicht lange und fünf Polizisten erschienen. Sie besprachen sich kurz, teilten die Strandabschnitte auf und begannen zu suchen. Die Mutter weinte und hatte Schwierigkeiten sinnvoll mitzuhelfen. Sie gab sich selber die Schuld und konnte kaum rational handeln. Nach einer halben Stunde waren alle wieder da. Von Cora noch immer keine Spur. Der Leiter der Polizeitruppe rief Verstärkung durch die Armee. Und plötzlich wie aus dem Nichts stand die kleine Cora mit verklebten Augen da. Die Mutter umarmte sie stürmisch. Die kleine Cora, müde vom Spielen, hatte sich kurz vor Mittag in den Strandkorb neben dem Strandkorb der Eltern verkrochen. Sie hatte ein dort liegendes Tuch über sich gezogen und war eingeschlafen. Von dem ganzen Rummel hatte sie nichts mitbekommen. Da sie so klein war, schaute niemand unter das Badetuch. Die Erleichterung bei diesem Happyend war gross. Ende gut, alles gut. Angst kann eben unterschiedliche Formen haben. Die Mehrheit spielt sich dann im Kopf ab, ohne rationalen Grund. Aber das hilft in Zeiten der Panik auch nicht wirklich.

Bildquelle: Rainer Sturm  / pixelio.de

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