Michaela Merz

Zu viel ist zu viel (Pilze sammeln 2)

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch besuchte meine Mutter in ihrem Haus nahe der deutschen Grenze im Böhmischen Wald. Anfang September war es herrlich und im Vergleich zum kalten und regnerischen Zürich einfach wunderbar. Am Abend konnte man im T-Shirt draussen im Garten sitzen, am Tag schien die Sonne wie im Hochsommer und dabei meine zufriedene Mutter. Alle Wünsche erfüllt.

Am Samstagmorgen wollte ich im Wald Pilze sammeln. Meine Mutter warnte mich, dass es sehr viele gibt und dass ich nicht mehr als einen halben Korb bringen sollte. Ab und zu tun die Tschechen gerne übertreiben. Ja, ja, zu viel Pilze. Pilze kann es nie genug haben. Gut ausgerüstet marschierte ich in den Wald. Das Haus meiner Mutter grenzt an den Wald und somit ist man nach 10 Metern schon mitten drin. Und es war wirklich schockierend. Pilze überall. Erst machte mein Herz einen Freudensprung und ich bückte mich, um die ersten kleinen Steinpilze und Eierschwämmli aufzulesen. Aber sehr bald verwandelte sich meine Freude in ein gemischtes Gefühl. Man konnte kaum einen Schritt machen ohne fast auf einen Pilz zu treten. Es waren allerlei Pilze da: Fliegenpilze, Champignons, Ochsenzunge, Judasohren, Totentrompete, Perlpilze und Pilze, die ich schon jahrelang nicht mehr gesehen hatte, ‎und sogar solche, die ich noch nie im Leben zuvor gesehen hatte. Man konnte es nicht Pilze suchen nennen. An diesem Tag wäre die richtige Bezeichnung: Pilze ausweichen.

Es hat überhaupt keinen Spass gemacht. Alles was man gerne finden wollte, war da, gross und klein, gesund und ohne Würmer, in Mengen, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Dieser Überfluss verdarb mir die Lust. Ich dachte an meine Studentenjahre, als ich meine Kasse an Wochenenden als Verkäuferin in einem Confiserie-Laden aufgebessert hatte. Am ersten Tag ass ich drei Torten mit Lust und nach dem zweiten Wochenende umgeben von all dem verführerischen Süssen, verging mir die Lust auf Torten völlig und ass keine einzige Torte mehr.

Überfluss erzeugt nicht mehr Lust und Zufriedenheit. Der optimale Zustand wäre ein bisschen weniger als man eigentlich gerne hätte, um die Freude für nächstes Mal aufzubewahren.

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