Michaela Merz

Ich bin doof

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Meine Welt war in Ordnung. Mein Mobiltelefon war mit mir zusammengewachsen und wir waren unzertrennlich. Ich spielte virtuos auf seiner Tastatur und es war mir eine grosse Hilfe. Mein Leben war in diesem kleinen Gerät gespeichert. Termine, Namen, Geburtstage, Passwörter, Fotos, Tonaufnahmen; kurz das ganze Leben.

Eines Tages tauchten auf dem Bildschirm Wellen auf‎, die Gesichter wurden ohne Vorwarnung grün und dann wieder violett und plötzlich war es mucksmäuschenstill und das Gerät war tot und liess sich mit keinerlei Massnahmen beleben. Ich probierte alles, um es wieder zum Leben zu erwecken. Vergeblich. Ich musste mir ein neues Gerätchen kaufen. Das löste bei mir keine Freunde und Jubel, sondern nur Appetitlosigkeit und Abneigung aus. Erst musste ich überhaupt verdauen, dass Teile meiner gespeicherten Erinnerungen unwiderruflich verloren sind. Dann musste ich verdauen, dass ich etwa 50 Passwörter neu beschaffen muss. Die ersten Tage konnte ich so ziemlich gar nichts, weil ich nirgendwo zugelassen wurde – Banking, Einkauf, meine Website alles nicht zugänglich. Bitte sagt mir nicht, dass man Backup haben muss und synchronisieren, synchronisieren, synchronisieren! Ich weiss. Nützt nichts im Nachhinein.

Ich musste ein neues Gerät kaufen. Auch nicht lustig. Es mag eine tolle Tätigkeit sein für jemanden, der alle Zeit der Welt hat und sich mit den unzähligen Fragen auseinandersetzen kann. Ich erinnerte mich mit Sehnsucht an meine Kindheit zurück, wo die Auswahl sehr dürftig war. Es hat bei den Kleidern zum Beispiel in meiner Grösse damals zwei Modelle gehabt und keines hat mir wirklich gefallen, aber ich brauchte eines. Dann ist so eine Entscheidung gar nicht schwierig. Wenn man aber vor dem grossen Angebot steht und eigentlich so gar nicht weiss, was man will, ist eine Wahl SCHWER, sehr schwer. Ich habe mir geholfen, so wie sich viele helfen. Ich fragte einige meiner Kollegen und Freunde, was für Geräte sie benutzen und wie zufrieden sie sind. Die technisch versierten Kollegen habe ich gar nicht gefragt, weil ich weiss, dass sie mit der Technik anders umgehen als ich. So habe ich mein Modell gefunden.

Dann kaufte ich mir mein neues Gerät und war lahmgelegt. Ich konnte nichts. Nicht mal einen eingehenden Anruf entgegennehmen. Die Bedienung und die Funktionalitäten waren komplett anders als bei meinem alten Gerät. Mir kam meine erste Übung im Computerraum an der Universität Zürich in den Sinn. Damals waren die Computer unverschämt teuer. Darum hat es einen Raum gegeben, wo man die Hausaufgaben machen konnte. Einen eigenen Computer hatte damals niemand in meiner Klasse. Ich betrat den Computerraum und er war menschenleer. Nur Computer schauten mich freundlich an. Ich wählte einen sympathischen aus und wollte mit der Arbeit beginnen. Er war aber ausgeschaltet. Ich versuchte 20 Minuten verzweifelt das Ding einzuschalten. Ohne jeglichen Erfolg. Ich war den Tränen nahe, aber dachte nicht daran aufzugeben. Und dann kam ein Student rein, sah meine Verzweiflung, kam zu meinem Gerät und machte hinten am Gerät was und sofort erhellte sich der Bildschirm. Ich war so wütend auf mich und ich habe mich gleichzeitig für meine Unfähigkeit so geschämt.

Etwa ähnlich geht es mir mit meinem neuen Gerät. Ich bin wütend. Ich weiss, dass ich es alles selber herausfinden kann, aber es braucht ZEIT und die habe ich nicht. Überhaupt nicht. Vor mir liegt ein durchgeplantes Programm im Halbstundentakt bis Weihnachten. Zeit zum Ausprobieren liegt einfach nicht drin. Ich lasse mir die 3 lebensnotwendigen Griffe zeigen, wie eingehende Anrufe annehmen, Telefonnummern aus dem Telefonbuch suchen und anrufen und der Rest muss halt warten.

Ein paar Tage später sehe ich wie mein Kunde mit seinem Gerät zu kämpfen hat. Das kenne ich und siehe da, ich kann ihm sogar helfen. Wir beginnen in grosser Runde zu diskutieren und es zeigt sich, dass es vielen so wie mir geht. Die technologische Hilfe treibt die Benutzer zur Verzweiflung, Wut (es wurde über Geräte gesprochen, die geworfen wurden), Frustration und Resignation. Ich stelle fest, mit meiner Reaktionen bin ich eigentlich harmlos.

Ich wünschte mir, dass die Anbieter endlich begreifen, dass ich mir nicht jedes zweite Jahr ein neues Gerät kaufen will, sondern dass ich mein liebgewonnenes ewig behalten will. Ich wäre auch bereit sehr viel mehr zu zahlen, wenn sie mir die Garantie geben würden, dass das Ding die nächsten 10 Jahre funktionieren wird. Ich bin doof, technisch doof, aber ich wäre ein loyaler Kunde, wenn jemand endlich auf meine Bedürfnisse eingehen würde.

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