Michaela Merz

Die Bibliothek

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Ich liebe Bibliotheken. Die riesen Hallen mit unzähligen Büchern. Das gesammelte Wissen der Menschheit. Die dort herrschende sakrale Stille. Die Leute, die dort anzutreffen sind.

Ich liebe sie, weil ich überzeugt bin, dass sie vom Aussterben bedroht sind. Ich vermute, dass die digitale Transformation sie überflüssig macht und dass sie langsam, still und ohne Proteste einfach kleinheimlich eine nach der anderen absterben. In 20 Jahren wird es vielleicht noch eine als Museum des 20. Jahrhunderts geben und die Bücher werden digital von zuhause bestellt.

Ich habe in Bibliotheken unzählige Stunden verbracht. Ich habe in Ihnen auf die Prüfungen gelernt, ich habe in ihnen Quellen für mein Buch gesucht. Als ich an meinem Buch gearbeitet hatte, brauchte ich tonnenweise Bücher. Meine zwei Töchter waren damals sehr klein, des Lesens noch nicht mächtig und wissenschaftliche Bibliotheken hatten für sie wenig Reiz. Ich musste sie aber mitnehmen, weil es niemanden gab, der auf sie aufpassen konnte. Es war eine stressige Angelegenheit. Ich musste schauen, dass sie leise sind und niemandem stören, ich musste meine Bücher holen und musste gleichzeitig meine Mädchen unterhalten, damit sie sich nicht langweilen. Zum Glück wurde die Universitätsbibliothek gerade umgebaut und die Bücherbestände wurden in einer alten Kaserne gelagert. Dort gab es weniger Besucher, weil es ganz ungemütlich war. Somit war die Chance kleiner, dass sich jemand wegen ihnen beschweren wird. Ich versprach meinen Töchtern, dass jede sich auch ein Buch ausleihen darf. Während ich meine Bücher suchte, spielten die zwei Mädchen zwischen den Bücherregalen Verstecken. Mit 3 und 4 Jahren geht das ganz prima. Ich fand alle meine Bücher und wollte mit den Mädchen nach Hause gehen. Ich fand aber nur die Ältere. Ich fragte, wo die jüngere sei, aber das wusste sie nicht. Wir haben angefangen gemeinsam zu suchen. Regal um Regal, Reihe nach Reihe. Die kleine war verschwunden. Am Anfang fand ich es toll, wie gut sie sich versteckt hatte, mit der Zeit wurde es mir immer unheimlicher. Mir tanzten Schreckensbilder vor den Augen, was der jüngeren alles passieren könnte.

Stille hin oder her, wir haben angefangen zu rufen. Laut und immer lauter. Nichts! Nur die besorgte Bibliothekarin kam, um uns zu rügen. Als ich ihr erklärte, was passiert war, half sie uns bei der Suche. Wir teilten uns auf und suchten systematisch weiter. Auch das Rufen haben wir fortgesetzt. Und plötzlich sah ich sie. Sie lag unter einem Regal und bewegte sich nicht. Ich rannte zu ihr. Sie schlief. Ganz friedlich auf dem staubigen Boden. Ich weckte sie und sie streckte mir ein Buch entgegen. Das war das Buch was sie sich ausgesucht hat. Auf dem Titelband war ein Bild eine riesige Erdbeere. Das war auch das einzige Bild im ganzen Buch. Der Rest war eine wissenschaftliche Abhandlung über Verbreitung von Erdbeeren. Nach Hause nahmen wir es mit, schlussendlich hatte ich es versprochen.

Und noch ein Buch aus einer Bibliothek fasziniert mich. Als ich an der Uni Irchel mein Diplom entgegen nahm, sah ich hinter dem Glas in der Bibliothek ein Buch – “Die Schweiz um die Jahrhundertwende” mit einem alten Foto, das an das 19. Jahrhundert erinnerte. Das ist 20 Jahre her. Aber wenn ich ab und zu an die Uni komme, gehe ich dorthin schauen. Unglaublich, das Buch ist immer noch dort, an dem gleichen Ort wie vor 20 Jahren. Und ich schwöre mir, dass wenn ich das nächste Mal komme, werde ich es mir ausleihen. Geschafft habe ich es noch nicht. Vielleicht nächstes Mal. Eile scheint nicht nötig zu sein.

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