Michaela Merz

Der Luxus der 2. Wiederholung

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Wenn es im Mittelland kalt, neblig und depressiv wird, liebe ich es in die Sauna zu gehen, mich auf der Holzbank auszustrecken und die Wärme in den Körper steigen zu lassen. Die leichte Benommenheit durch die Wärme und das Nichts tun (können und müssen) zu geniessen, ist herrlich.

Schon als Studentin bin ich mit den Studienkolleginnen in die Sauna gegangen. Meine Lieblingssauna war in der Mitte des historischen Zentrums in Prag auf einer Insel im Fluss Moldau mit Sicht auf die Prager Burg und das Nationaltheater. Wir haben geschwitzt, geschwätzt, Wein getrunken und die Zeit genossen. Zwischen damals und heute liegen unzählige Besuche in verschiedenen Saunen in verschiedenen Länder auf dieser Erde. In Grossbritannien haben mir die finnischen Kollegen beigebracht wie man es richtig machen sollte, in Russland habe ich mich in einem ins Eis geschlagenes Loch abgekühlt, auf Zypern staunte ich über Einheimische, die in der Sauna Mütze trugen, in Lemone in Italien hatte ich direkt von der Sauna Blick auf den Gardasee und mitten im Sommer in Griechenland bei 40 Grad im Schatten faszinierten mich die Deutschen, die Tag für Tag die Sauna anheizten und benutzten.

Früher als Studentin hatte ich viel Zeit und konnte 3 – 4 Stunden in der Sauna verbringen. Das liegt heute nicht mal am Wochenende drin. Eines der knappsten Güter in meinem Leben ist Zeit. Und darum kann ich eigentlich nur zweimal in das Schwitzhäuschen. Ein dritter Gang liegt seit Jahren einfach zeitlich nicht drin.

Ich kann einer gemischten Sauna nichts abgewinnen und wenn es nichts anders gibt, verzichte ich lieber darauf. Eigentlich könnte ich mir zu Hause eine von diesen kleinen Saunas einbauen und so die Wärme und Ruhe geniessen. Aber sind wir ehrlich, dann werde ich keine Chance mehr haben die Alltagsgespräche in der Sauna mitzubekommen. In der Frauensauna sprechen die Frauen über Abwesende (die ich nie kenne), über die Arbeit, über die Kolleginnen oder über die Gesundheit. Politik ist in Saunagesprächen inexistent. Und das ist gut so. Durch das Betreten des Schwitzraumes steigt man in der Mitte der Geschichte ein, dann geht die Erzählerin weg, obwohl die Geschichte noch gar nicht fertig ist und so entstehen surreale abstrakte Fetzen der Kommunikation, die die Fantasie ankurbeln.

Diesen Sonntag war mein Kleinster den halben Tag an einem Kindergeburtstag und ich hatte einfach nur Zeit für mich. Ich bin eine Stunde geschwommen und dann in die Sauna gegangen. Herrlich!! Erster Gang in 85 Grad Wärme, abkühlen im eiskalten Becken draussen, Sonntagszeitung lesen, zweiter Gang in 85 Grad Wärme, abkühlen im eiskalten Becken draussen und unglaublich ich kann noch mal gehen!! Die Zeit erlaubt es mir und ich bin inmitten von drei Frauen, die sich unterhalten. Leise, aber klar verständlich. Ich liege ausgestreckt und höre wie eine den neu eröffneten Laden um die Ecke lobt. Brot ist frisch und so gut, sie sind so nett und überhaupt. Nach 15 Minuten raus und abkühlen.

Ich fühle mich federleicht, die Welt scheint mir trotz Nebel rosig und ich lache fast penetrant alle an. Der Luxus der 2. Wiederholung in der Sauna hat sich mehr als gelohnt. Und übrigens der Laden, den die Frau beschrieben hat, hatte ich gesucht und besucht. Und das Brot gleicht einer Poesie und das Personal ist unheimlich nett. Nicht alle nützliche Informationen sind im Internet zu finden, für bestimmte muss man die Sauna besuchen 🙂

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