Michaela Merz

Zugverspätung

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Als Studentin verdiente ich mein Geld auch als Reiseleiterin. Ich nahm eine Gruppe von ausländischen Touristen in Empfang, schaute, dass mit Unterkunft, Mahlzeiten und sonstigem Programm alles klappt. Vor der Anreise der Gruppe überprüfte ich noch einmal alle Details und sorgte für ihr Wohl und Zufriedenheit. Das war abwechslungsreich, dynamisch, lustig, ab und zu frustrierend, aber immer spannend.

Einmal, am Tag des Abfluges meiner Gruppe nach Moskau, war ich im Hotel und kontrollierte, dass alles gut klappt. Plötzlich ein Anruf vom Flughafen. Sie wollten wissen, wo meine Gruppe ist. Als sie diese Frage stellten, blieb mein Herz vor Schreck stehen, weil ich realisierte, dass wir spät sein müssen. Ich erfuhr, dass das Flugzeug in 45 Minuten starten sollte. Es war ausgeschlossen, die Leute zusammenzutrommeln, einen Bus früher zu organisieren und sie innerhalb von 30 Minuten zum Flughafen zu bringen. Ich bettelte sie an, den Abflug zu verzögern. Schlussendlich fehlten ihnen 40 Passagiere. Die Stimme auf der anderen Seite teilte mir mit, dass es nicht möglich ist, weil ein Regierungsmitglied mit diesem Flugzeug nach Moskau reist. Verflixt!! Ich wusste, was das bedeutet. 40 enttäuschte Leute, unzählige Pläne, die nie umgesetzt werden, eine zusätzliche Nacht (oder mehrere) bis 40 Plätze im Flugzeug nach Moskau frei werden. Ich trinke selten Alkohol und nie Schnaps, aber im Bewusstsein, was für eine Lawine von unangenehmen Ereignissen auf mich zukommt, bestellte ich, das Regierungsratsmitglied verteufelnd, einen grossen Schnaps.

Und es wurde schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte einige der Leute aus der Gruppe würden mich schlagen. Nein, niemand hat es getan, ich wurde angeschrien, beschuldigt und bedroht. Sonst nichts.

Was ich aber geschafft habe, war zu erfahren, dass ein fehlerhaftes Flugzeug am Flughafen steht und repariert wird und, sofern es klappt, noch heute nach Moskau abfliegen wird. Der Fehler bei der Abflugzeit war nicht bei mir, sondern das Reisebüro hatte mir falsche Angaben bestätigt. Das nutzte mir herzlich wenig. Meine Gruppe wollte eine Schuldige und das war ich, stellvertretend für das ganze Reisebüro.

Sie schafften es, das Flugzeug zu reparieren und meine unglückliche Gruppe ist mit 20 Stunden Verspätung Richtung Moskau abgeflogen.

Heute reise ich von Lausanne nach Zürich. Der nächste direkte Zug geht erst in 30 Minuten und in 3 Minuten fährt der Zug nach Bern. Ich steige ein und frage den Zugbegleiter wie es mit Umsteigen in Bern wird. Er versichert mir, dass wenn wir rechtzeitig ankommen, ich es bequem von Gleis 8 zu Gleis 2 schaffen werde und einen direkten Zug nach Zürich habe. Sollten wir verspätet sein, wird er anrufen und bitten, dass der Zug nach Zürich ein bisschen wartet. Ich halte den Atem an. Seine Aussage klingt so unglaubwürdig, dass es mir schwer fällt, es zu glauben.

Er ergänzt, dass es nur 2 bis 3 Minuten sein können und er garantiert nichts, aber das es möglich ist.

Ich liebe dieses demokratische Land, wo die Züge fast immer pünktlich sind und die Kundenfreundlichkeit beim Warten auf die eigenen Passagiere möglich ist.

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