Michaela Merz

Die Nacht im Kempinski

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Ich gehöre nicht zu den Leuten, die schon eine grosse Anzahl von 5 Sterne Hotels auf dieser Erde besucht haben, aber ich habe die klare Vorstellung, dass die 5 Sterne gehobene Gastfreundschaft und Luxus verkörpern sollten. Die Wünsche sollten einem von den Augen abgelesen werden.

Vor vielen Jahren, als ich mich auf die Steuerexpertenprüfung vorbereitete, fand unser Klassenlehrer, den wir alle sehr bewunderten, dass unsere Kenntnisse im Bereich selbständig Erwerbende und Steuerrecht dürftig sind und dass wir einen Intensivkurs brauchen. Er schlug ein verlängertes Wochenende mit intensivem Lernen vor. Kostenpunkt 70 CHF für zwei Übernachtungen, Busreise und Verpflegung. Ort unbekannt. Wegen des Preises hatte ich mich auf einen Stall auf einem Bauernhof eingestellt. Unserem Lehrer hätten wir zugetraut, dass er uns im Stroh schlafen lässt.

Umso grösser war unsere Überraschung als unser Bus am Freitagabend in Kanton Luzern vor dem 5 Sterne Hotel Burgenstock anhielt. Ich hatte mich das ganze Wochenende miserabel gefühlt, weil ich meine ältesten und miserabelsten Klamotten und Schuhe mitgenommen hatte, in Erwartung einer spottbilligen Unterkunft. Ich fühlte mich wie ein Bauernmädchen, das sich direkt vom Stall in eine Königsaudienz verirrt hat. Neben den Damen mit teurem Schmuck und Pelz fiel ich wirklich auf. Champagner zum Frühstück konnten wir nicht nehmen, da wir klare Köpfe brauchten und an Schwimmen im eleganten Schwimmbecken mit weiter Aussicht ins Tal war nicht zu denken, da es unser strenger Lehrplan gar nicht erlaubte. Nach dem Einstiegskurs am Freitagabend, der bis 11 Uhr ging, begannen wir am Samstag um 8 Uhr am Morgen mit dem Unterricht und um 11 Uhr am Abend war Schluss, dazwischen kleine Pausen. Am Sonntag das gleiche, nur der Schluss war um 17 Uhr. Wie das unsere Lehrer ausgehalten hat, der den gesamten Unterricht im Alleingang bestritten hatte, ist mir bis heute schleierhaft.

Jetzt wurde mir ein Aufenthalt im Kempinski geschenkt. Mein Koffer sah dieses Mal anders aus als damals was den Inhalt anbetrifft. Aber einen herzlichen Empfang stelle ich mir anders vor. Oder ist vielleicht zu erkennen, dass ich nicht Selbstzahler bin? Das Zimmer war riesig mit fantastischer Aussicht und allem möglichen Schnickschnack inklusive Sternenhimmel über der Badewanne. Toll da nehme ich ein Bad. Ich stöpselte die Badewanne zu und liess Wasser mit Schaum einlaufen. Nach einer Viertelstunde war die Badewanne voll und ich probierte, ob ich es vielleicht nicht zu heiss gemacht hatte. Aber das Wasser war eiskalt!! Ich musste mich geirrt haben, als ich das Wasser einliess. Ich probierte das ganz heisse Wasser, aber aus allen Wasserhähnen kam nur kalt. Dieses Problem ist mir aus billigen Unterkünften bekannt, aber hier?

Ich suchte nach einem Telefon, damit ich an die Rezeption anrufen konnte. Ich fand es schnell, aber keine Anleitung welche Nummer man wählen muss, um die Rezeption zu erreichen. Ich durchsuchte das Zimmer, fand aber nichts. Dann blieb nur die prähistorische Variante und ich begab mich zur Rezeption. Ich fragte die junge Dame, ob es warmes Wasser gibt und mit welchem Trick man es herbeizaubern kann.

Ihr Blick war fast giftig. Sie sagte, dass das Hotel halt auf einem Berg ist und dass es ein bisschen dauert bis das warme Wasser kommt. 5 Minuten Geduld muss ich schon haben. Ich traute mich nicht ihr zu sagen, dass in der Badewanne auch nach 15 Minuten nur eiskaltes Wasser war. Ich bin dann in die Sauna gegangen und das war toll!! Nur die Delegation fremder Männer vor den riesen Fenstern der Frauensauna mit direkter Einsicht, hat mich irritiert.

Am Frühstücksbuffet waren Karotten- und frisch gepresster Orangensaft ausgegangen. Keine Tragödie, bei mir zu Hause passiert das häufig, aber da? Für diesen Preis? Und nach dem Frühstück wies mich im Fitnesszentrum auf Französisch der Mann, der dort am Putzen war, mit meinem Jüngsten aus. Da er keiner anderen Sprache mächtig war und ich halt immer noch nicht Französisch kann, war eine Diskussion mit ihm kaum möglich.

Ich fühlte mich sehr unwillkommen. Wie ein nicht eingeladener Gast. Ich fühlte mich mies wie damals am Burgenstock, aber diesmal war ich nicht selber schuld. Trotz dicker Teppiche, teuren Gemälden und Sternehimmel im Badezimmer hatte ich nur einen Wunsch, dieses Hotel so schnell wie möglich zu verlassen und irgendwo unterzukommen, wo man sich als Gast willkommen fühlt.

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