Michaela Merz

Blutige Samstagnacht in Istanbul

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Immer wenn meine volljährigen Kinder alleine ins Ausland fahren, habe ich ein mulmiges Gefühl. Ich kompensiere meine diffuse Angst mit sich immer wiederholenden guten Ratschlägen, denen meine Kinder wahrscheinlich gar nicht mehr zuhören.

Die jüngere Tochter fuhr über das Wochenende zu ihrer Kollegin nach Istanbul. Als ich sie am Sonntag am Flughafen abholte, schien sie mir müde und bleicher als sonst. Ich fragte, ob es gut war und sie nickte, ich fragte, ob sie Galata Tower gesehen hatte und sie verneinte einsilbig. Ich war verärgert über ihr Schweigen, aber ich sagte nichts. Offensichtlich war etwas passiert. Das Schweigen wurde unangenehm.

Dann begann sie zu erzählen, wie sie am Samstag am Abend in der Wohnung ihrer Freundin gesessen sind, der türkische Freund spielte Gitarre und alle drei sangen. Nach kurzer Zeit begannen sich die Nachbarn über den Lärm zu beschweren und vor dem Haus bildete sich eine kleine Gruppe von Bewohnern, die etwas auf Türkisch riefen, was sie nicht verstand.

Der Freund wollte es regeln und ist schnell rausgegangen, um mit den Leuten zu reden. Sie beobachteten ihn vom Fenster aus und sahen wie die Diskussion immer heftiger wurde. Und plötzlich zog einer ein Messer und stach auf den Freund ein. Einmal, ein zweites Mal und noch einmal. Der Freund sank zu Boden und das Rot des Blutes breitete sich auf dem liegenden Körper aus. Die Freundin rief den Krankenwagen, die Polizei und liefen zu ihm, weil es so aussah, dass die um ihn stehenden Leute weiter auf ihn einschlagen wollten.

Er war ansprechbar, aber überall war schrecklich viel Blut und bis der Krankenwagen kam, dauerte es eine Ewigkeit.

Notaufnahmen wirken wahrscheinlich überall auf der Welt beklemmend, die da war laut, überfüllt und angsteinflössend. Meine Tochter verstand nichts und ihre Angst, dass der Kollege stirbt, war gross.

Er hatte keine lebensbedrohliche oder ernsthafte Verletzung. Die drei Stiche waren schlimm, aber das Messer hat kein Organ erreicht. Er hat sehr viel Glück im Unglück gehabt. Die restliche Zeit von Samstagabend bis zum Abflug nach Hause war sie wie in Trance.

Ich wollte wissen, warum sie mich nicht vom Krankenhaus aus angerufen hatte. Sie verfolgte die gleiche Philosophie wie ich, als ich jung war, mit meiner Mutter. Gute Nachrichten sofort, schlechte erst dann, wenn sie halb so schlimm sind.

Meine Tochter hat aus Istanbul ihre ältere Schwester angerufen, mich wollten sie nicht beunruhigen, weil sie wussten, dass ich mich in das nächste Flugzeug gesetzt hätte und nach Istanbul geflogen wäre.

Ich weiss, alles ist wieder in Ordnung. Der Kollege ist zu Hause und es geht ihm wieder gut. Bis auf paar Narben bleibt Gott sei Dank nichts übrig. Ich werde mich aber jedes Mal, wenn meine Kinder allein unterwegs sind, wirklich miserabel fühlen, weil ich weiss, dass sie nicht anrufen werden, auch wenn es sehr schlimm ist.

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