“Jeder kann kochen.”

Ratatouille“, der Disney-Trickfilm, hat mir auf Anhieb gefallen. Nicht nur, weil er sehr witzig war und ich mich göttlich amüsiert habe, sondern auch, weil mir die tiefgreifende Botschaft wirklich stark und überzeugend erschien. Was dieser Film jedoch in mir nicht ausgelöst hat, war die Lust am Kochen.

Diese Teile der Erziehung haben meine Eltern und Großeltern vermasselt. Ich nehme es ihnen nicht übel, sie haben mich viele andere Dinge gelehrt. Meine Großmutter stammte aus einem kleinen, landwirtschaftlich geprägten Dorf. Sie trat in die Lehre in dem besten Schneider-Salon seiner Zeit in der Hauptstadt ein. Wie sie das geschafft hat, weiß ich leider nicht, weil ich sie zu Lebzeiten nie danach gefragt habe, und irgendwann war es zu spät. Leider hat meine Mutter diese Frage auch nie an sie gestellt. Jedenfalls hat meine Großmutter in diesem vornehmen Damen-Schneiderei-Salon nicht nur gelernt, Kleider zu nähen, sondern auch sensationell zu kochen. Somit besaß meine Großmutter ein sehr breites Kochrepertoire, beginnend mit einfachen, sehr preiswerten Dorfrezepten hauptsächlich aus Mehl, Kartoffeln, Eiern, Hefe und Milch (die ich als Kind alle heiß geliebt hatte), bis zu super aufwendiger, gehobener und teurer Fleischküche wie zum Beispiel gefülltem Fleischvogel. Als Kind habe ich besonders gern gehabt, wenn sie auf Vorrat die Nudeln machte. Sie hatte riesige Teigplatten ausgerollt, die dann zum Trocknen überall in der Wohnung lagen – auf den Stühlen, auf dem Tisch, auf den Schränken wie Vorhänge, auf dem Sofa einfach überall. Das war immer der Tag, an dem ihre Wohnung wie ein verzaubertes Schloss aussah, weil man sich zwischen ihnen sehr vorsichtig bewegen musste. Aber meine Großmutter hat mich nie gefragt, ihr beim Kochen zu helfen. Ich schaute zu oder spielte mit den Knöpfen. Außer Stoffen, Knöpfen, Nadel und Faden gab es in ihrer Wohnung nichts zum Spielen (ein Glück für mich als Kind, um meine Fantasie auf Hochtouren zu bringen). Gekocht habe ich mit ihr nie.

Meine Mutter war als Köchin sehr experimentierfreudig, und ich hasste es. Ein Mahl ohne Fleisch war für meine Mutter kein richtiges Mahl. Außer Sauerkraut, Kartoffeln, Erbsen und Karotten kam in ihrer Küche kaum Gemüse vor. Der Spruch, der fast jedes Mal kam, wenn ich mich geweigert hatte zu essen (oder fertig zu essen), konnte ich nicht mehr hören – «Du musst nichts fertig essen, außer Fleisch.» Und klar, ich war bereit alles zu essen, aber NICHT das Fleisch. Meine Mutter hat auch nie Hilfe beim Kochen verlangt, sie kochte gerne allein. Gefragt war Hilfe beim Aufräumen. Das war dann meine Aufgabe. Somit war meine Beziehung zum Kochen seit meiner Kindheit eher negativ behaftet. Wie kann man einen halben Tag Zeit verschwenden und etwas machen, was dann in 30 Minuten gegessen wird? Und da ist noch nicht aufgeräumt. Für mich war rohe Kost (Gemüse, Früchte und Nüsse) die richtige Variante der eigenen Ernährung. In Zeiten, in denen ich allein gelebt habe, war das mein Ernährungsplan.

Mit den eigenen Kindern musste ich es überdenken. Ich habe angefangen zu kochen, aber gerne gemacht habe ich es nicht. Als dann meine Großmutter starb, verlor ich die Gerichte meiner Kindheit, weil kein Restaurant die super billigen, aber relativ arbeitsaufwendigen Gerichte meiner Großmutter anbietet. Es sind Erinnerungen an den Geschmack der Kindheit geblieben.

Als ich jetzt Geburtstag hatte, fragte mich meine Freundin, was ich mir wünsche. Ich dachte ein paar Minuten nach und wünschte mir, dass sie mir eines dieser Gerichte beibringt. Buchtel standen auf dem Speiseplan. Sie hat Buchtel noch nie gemacht. Mein Wunsch ist sie sehr professionell angegangen. Sie studierte Rezepte, Erfahrungsberichte, führte Befragungen durch und probierte es selber aus. Ihre eigene Familie war nach einem Monat Buchtel mehr als satt!

Als ich an einem Nachmittag bei ihr ankam, war sie voll der Profi. Alle Zutaten lagen bereit, und unter ihrer liebevollen, aber strengen Anleitung habe ich das Gericht meiner Großmutter nachgebacken. Es ist gelungen, wurde vollständig gegessen und gelobt von meiner Familie, und es sah passabel aus. Dazu war es ein witziger Nachmittag. Wir beide hatten viel Spaß dabei, viel gelacht. Aber hallo, es hat mehrere Stunden in Anspruch genommen (Einkauf nicht eingerechnet) und war im Nu gegessen.

Ich kann stolz sagen, unter Anleitung kann ich super kochen, und diese eine Mal konnte ich die Leidenschaft für mein Endprodukt entwickeln. Aber wie bei allem, was man macht, ohne Liebe und Leidenschaft sind keine Spitzenresultate zu erzielen. Lass mich ein kniffliges Problem lösen, da bin ich sofort dabei. Keine Herausforderung ist mir zu groß, aber mit dem Kochen glaube ich, wird es nie etwas!

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