Ein organisiertes Verbrechen

In Zeiten von Corona sind die kleinen Dinge der Vergangenheit zu den grossen Sehnsüchten der Gegenwart geworden. Ich träume nicht davon die Chinesische Mauer zu besuchen, sondern davon in einem Caffè sitzen zu können und eine Latte Macchiato zu trinken. Die Tatsache, dass ich zu Hause den gleichen Latte Macchiato trinken kann, mindert die Sehnsucht kein bisschen. Im Gegenteil, sie wächst dadurch jeden Tag. Ich versuche mich zu erinnern wann ich das letzte Mal etwas auswärts gegessen habe und stelle fest, dass das noch letztes Jahr war. Die Wünsche werden kleiner aber ihre Erfüllung schwieriger, oder sogar fast aussichtlos.

Sehr viel hat sich geändert. Für uns alle, für mich. Ich habe das Glück von zu Hause aus arbeiten zu können. Wozu das geführt hat, ist offensichtlich. Ich arbeite rund um die Uhr. So viel wie in den letzten 12 Monaten habe ich glaube ich noch nie in meinem Leben gearbeitet. Die Intensität ist gestiegen und vielleicht bin ich sogar noch produktiver als früher aber Spass an der Arbeit zu haben ist etwas anderes. Es fehlt etwas und das jeden Tag, jede Stunde – der Austausch, die Spontanität, das Unerwartete, die Begegnungen, die Leute. Ich bin getriebene durch die Agenda. Eine Videokonferenz auf Zoom, Teams, Skype und wie sie alle heissen jagt die nächste. Die erste beginnt um 7 Uhr morgens mit den australischen Kollegen. Sie endet pünktlich um 8 Uhr, weil um 8 Uhr die nächste beginnt. Und so geht es den ganzen Tag bis spät am Abend wo ich mich mit Mexico oder USA unterhalte. Dazwischen muss ich noch alle die E-Mails die in meiner Inbox landen bewältigen und einige Antworten selber raussenden. Für Pausen oder kreatives Aufatmen bleibt entweder gar keine Zeit oder extrem wenig. Ab und zu muss ich einfach eine Konferenz 5 Minuten früher beenden, weil mein Laptop, sofern die Batterie und das Internet mitmachen, kann immer weitermachen aber der Körper braucht seine biologische Pause.

Ich beobachte immer wieder ein Phänomen: Wenn eine Besprechung für eine Stunde vereinbart ist, verbrauchen die Leute die Stunde so gut wie immer. Wenn die gleiche Besprechung aber nur für 30 Minuten organisiert ist, kann man das gleiche in 30 Minuten erledigen. Danach kann man sowieso nicht bleiben, denn die nächste Besprechung wartet schon. Wirkliche Denkarbeit wird so auf die Randstunden verschoben – sehr früh am Morgen oder spät am Abend. 12 Stunde kann ich so locker Tag für Tag füllen. Eine Muse hat kein Platz. Das Ganze ist sehr anstrengend. Der Bildschirm verzeiht nie und wehe, wenn man ein paar Sekunden unkonzentriert ist und sich in der Nase oder im Ohr grübelt. Das bekommen alle Teilnehmer (vielleicht 2 und vielleicht 40) mit, auf einem Bild mit nur ein paar Zentimeter Abstand. Mehr als 4 Stunde am Tag am Bildschirm zu sitzen, beobachtet zu werden, ohne es selber zu realisieren aber es die ganze Zeit zu ahnen, ertrage ich nicht mehr. Sprechen kann ich lange aber das Bild ist mir auf die Dauer zu anstrengend. Trotzdem liebe ich was ich mache. Ich habe einen unheimlich spannenden Beruf, der jede Stunde etwas Neues bringt, wo ich jeden Tag etwas neues lerne, wo die Probleme, die es zu lösen gibt, gewaltig teilweise sogar monströs gross sein mögen. Mit dem Effekt, dass wenn man es geschafft hat, sie zu bewältigen, fühlt es sich wie eine Skitour an, wenn man nach 6 Stunde anspruchsvollem Anstieg die Bergspitze erreicht und einen fantastischen Ausblick über die Bergkette bekommt. Ich bin mich meines Privilegs bewusst und dankbar dafür. Ich mache was ich liebe, es gelingt mir meistens die gewünschten Resultate zu erbringen und dafür bezahlt zu werden. Was für ein Glück!! Jetzt muss ich aber raus! Für ein Wochenende. Für einen Tag. Ich buche ein Hotel knapp 2 Stunde von mir entfernt und fahre weg.

Ich sitze auf der Terrasse, habe keine Pläne und keine Agenda. Mal nichts machen zu müssen und die Sonne und mein Latte Macchiato geniessen zu können, einfach herrlich. Und genau in dem Moment kommen die Spatzen. So wie es der gute Brauch in besseren Kaffeehäusern ist, wird der Kaffee mit einem kleinen Biskuit oder sonst etwas Süssem serviert. Meine Süsswaren bleiben meistens liegen. Diesmal auch. Dafür kommen die Spatzen mit einer unglaublichen Frechheit. Ich sitze doch da und sie spazieren seelenruhig bis zu meiner Tasse. Mut oder Arroganz, Frechheit oder Hunger? Ich weiss nicht, was sie treibt, aber ich beobachte sie mit Spannung. Nach dem die kleinen wendigen Spatzen das Terrain rekognosziert haben, kommt ein kräftiger Spatz angeflogen und fliegt direkt zu meinem Biskuit. Bin echt gespannt was er jetzt macht. Es Dauert nur ein paar Sekunden. Der Spatz schnappt sich das Biskuit und weg ist er. Eben ein organisiertes Verbrechen!! Die kleinen schätzen die Situation ein und der stärkste kommt dann um die Beute zu holen.

Eine Win-win-Situation. Ich hatte endlich meinen Latte auf der Terrasse geniessen können und die Spatzen haben sich ihre Bäuche auch gefüllt!!

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