Leben in Zeiten Corona XIII

Dara war sehr ordentlich. Ihre Wohnung war immer blitz und blank. Sauberkeit und Ordnung gehörten nicht zu ihrem Leben, sondern waren ihr Leben.

Als sie sich die rechte Hand gebrochen hatte und aus dem Spital mit einem weissen Gips zurück nach Hause kam, musste sie feststellen, dass alle die Dinge, die sie bis anhin locker schaffte, sie ohne die Rechte Hand nicht wirklich einfach bewältigen kann. Ordnung schaffte sie weiterhin, aber bestimmte Arbeiten entpuppten sich als kaum durchführbar. Nach langem Ringen mit sich selbst, suchte sie sich in Internet ein Putzdienst mit guten Bewertungen und bestellte sie zu sich nach Hause. Es kamen zwei Frauen, die kaum Deutsch sprachen. Beide waren so um die 40 Jahre alt. Die Verständigung war nicht ganz einfach, aber irgendwie schafften sie es. Die beiden putzten gründlich und zur vollen Zufriedenheit von Dara. Das Resultat liess sich sehen. Dara konnte sich wieder trotz gebrochenen Armes gut fühlen, weil ihre Wohnung war wieder so wie es für sie sein musste. Sauber und ordentlich.

Die beiden kamen noch ein paar Mal bis die Hand verheilt war und Dara der Gips abgenommen werden konnte. Das war Ende September. Ab dann konnte sich Dara wieder selber um ihre Wohnung kümmern. Und dann schlug die 2. Welle von Corona zurück. Sie breitete sich aus, leerte die öffentlichen Plätze und Gebäude, liess die Tische in den Restaurants verweist und die Bars leer. Dara zog sich in ihre Wohnung zurück und arbeitete von zu Hause aus. Sie hatte grossen Respekt vor Corona, weil sie seit ihrer Kindheit an Asthma leidet und die Vorstellung, dass sie ein Virus kriegen könnte, welches ihr die Atmung erschweren könnte, machte ihr Angst. Dara war sehr diszipliniert. Sie ging nie ohne Maske aus dem Haus und eigentlich ging sie immer weniger nach draussen.

Eines Tages rief eine der Frauen an, die bei ihr im Sommer geputzt habe. Sie bettelte um Arbeit. Mit gebrochenem Deutsch erklärte sie, dass sie keine Aufträge hat und kaum Geld zum Leben. Sie bettelte, um putzen kommen zu dürfen. Dara fühlte sich sehr unwohl und verstand nicht wirklich alles was die Frau sagte, aber sie spürte die Not, die die Frau auf andere Seite der Leitung ausstrahle. Dara versprach sich zu melden. Sie wollte jedoch niemanden in die eigene Wohnung reinlassen. Gleichzeitig war es ihr aber peinlich jemandem in Not abzuweisen. Dann entschied sie sich, dass sie der Frau einfach Geld überweisst. Dara sendete ihr eine SMS, dass sie sich morgen bei ihr meldet.

Am zweiten Tag um 8 Uhr am Morgen klingelte es bei ihr an der Tür. Hinter der Tür stand die Frau. Das war Dara sehr unangenehm, sie öffnete mit einer Maske im Gesicht die Tür und erklärte der Frau, dass sie sie nicht in die Wohnung reinlassen wird. Die Enttäuschung im Gesicht der Frau war sichtbar. In dem Moment kam Dara die Idee. Sie schickte die Frau zum Einkaufen. Nach etwa 1.5 Stunde war die Frau wieder da und stellte die Taschen vor die Tür und legte das restliche Geld in die Tasche. Dara bezahlte die Frau mit Handschuhen für die Arbeit. In dem Moment ging die Frau auf die Knie, schnappte Daras Hand und küsste sie. Dara war so überrascht, dass sie es nicht mal geschafft hatte, ein Schritt zurück zu machen. Es war ihr unendlich peinlich.

Sie hörte sich selbst sagen, dass die Frau nächste Woche wiederkommen sollte, um für sie einzukaufen. Als die Frau weg ging, verbrachte Dara eine halbe Stunde in dem Badezimmer, um den gesamten Einkauf zu desinfizieren. Sie kämpfte mit gemischten Gefühlen. Sie wusste, dass sie menschlich das richtige getan hatte, gleichzeitig fürchtete sie sich vor einer Ansteckung und die Dankbarkeit für das bisschen Geld war ihr super peinlich.

Auch so ist das Leben in Zeiten von Corona.

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