Michaela Merz

Lissabon – Völkerwanderung

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Der fast 25 Jahre alte Uber Fahrer in Lissabon erzählte mir, dass sein Grossvater vor Jahren Sizilien verlassen hat um nach Brasilien zu gehen. Er ist nach zwei Jahren in Brasilien zurückgekehrt, um seine Jugendliebe, die er seit seiner Kindheit kennt, zu holen. Das ist die heutige Grossmutter des Uber Fahrers. Er ist wie seine Eltern, in Brasilien aufgewachsen. Er versteht Italienisch aber spricht es nicht sehr gut. Er selber hat Brasilien, nachdem er den italienischen Pass erhalten hat, vor einem Jahr verlassen und lebt seither in Lissabon.

Ich war schon unzählige Male in Lissabon. Es ist eine spannende Stadt, es nimmt viel Zeit in Anspruch um sie zu entdecken, wenn man es gründlich machen möchte. Ich war da vor der Wirtschaftskrise 2008, ich war da während der Wirtschaftskrise und ich war vor kurzem wieder da. Der Geist der Stadt ist gleich geblieben. Die Leute sind nett und offen so wie ich sie kennengelernt habe. Das Gefühl willkommen zu sein ist ebenfalls immer noch dort. Ich habe aber gemerkt, dass die Krise nun überstanden ist. Es ist wie ein Wandel. Es ist viel Zuversicht da. Sie haben die Häuser wieder rausgeputzt, viele der Graffiti sind verschwunden, obwohl es sie an manchen Orten leider noch gibt.

Ich war mit dem Uber unterwegs. Das kostet in Lissabon so gut wie nichts. Ich habe in lokalen Restaurants gegessen. Das kostet ebenfalls fast nichts. Ich habe alle angequatscht die mich verstehen konnten (darum fahre ich Uber, weil die meisten Fahrer ein bisschen Englisch sprechen. Ausser es ist in den USA wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ein Uber Driver gar kein Englisch versteht und es versucht mit dem Google Übersetzer in den Griff zu kriegen). Aus den Gesprächen habe ich das Gefühl gewonnen, dass es den Leuten wieder besser geht, sie schmieden Pläne und schauen mit positiven Erwartungen in die Zukunft.

Ich liebe es mit den alten quietschenden gelben Trams durch die bergige Stadt zu kurven (aber Vorsicht wegen Taschendieben, insbesondere im Tram 28E), ich geniesse es die prächtigen, reichen Kirchen zu besuchen (aber nach der Dritten habe ich normalerweise genug vom Prunk), mir gefällt ein Spaziergang am Ufer mit der ständigen Brise des Windes im Gesicht. Die Farben der Fassaden und Blumen, die unerschöpfliche Freundlichkeit, der unverwechselbare ‘Fado’ Gesang, die einmalige Atmosphäre von Porto und der ganz spezielle, süsse Geschmack des frisch gepressten Saftes den es nur hier gibt, dass alles ist für mich Lissabon.

Als ich durch diese einmalige Stadt spazierte musste ich darüber nachdenken, dass es gar nicht so lange her ist, seit diese Stadt unermesslich reich war. Man sieht es an den Gebäuden, Kirchen und Palästen. Damals kam viel Reichtum von den Kolonien. Dann gab es eine Periode, wo die Portugiesen ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen haben und man konnte sie zum Beispiel auch in der Schweiz in der Service -und Reinigungsindustrie antreffen. Heute treffe ich viele Brasilianer, die europäische Vorfahren haben und nun versuchen in Portugal, ähnlich wie die Portugiesen in der Schweiz, Fuss zu fassen. Ich habe ebenfalls Familienmitglieder, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Schweiz für Brasilien verlassen hatten und die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft dort geblieben sind. Irgendwie wiederholt sich die Geschichte immer wieder. Aber auf diesem Fleck der Erde ist die Migrationsgeschichte besonders spürbar.

Wer weiss von wo nach wo die nächste Völkerwanderung in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft sein wird.

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