Michaela Merz

Unsere Welt im Jahre 2030

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Videoüberwachung, Überwachungskameras

Als ich in den 80 Jahren des letzten Jahrhunderts das Buch 1984 von George Orwell las, war es ein schönes und gleichzeitig gespenstisches Erlebnis. Das Buch war damals verboten und man durfte es nicht besitzen und auch nicht lesen. Wir trafen uns in einer grossen Gruppe in einer Wohnung, in der ich noch nie im Leben war und wechselten uns beim Vorlesen ab. Dazu tranken wir Tee und assen Essiggurken, da es sonst nichts gab. So eine Gruppenlesung ist etwas Wunderbares, weil man es anschliessend leidenschaftlich diskutieren kann. Die Geschichte dieses Buches ist jedoch beängstigend und mir ist es damals kalt über den Rücken gelaufen. Die Vorstellung, dass ich in einer Gesellschaft leben könnte, die mich Schritt und Tritt überwacht und alles über mich weiss und mich zu Recht weist, wenn ich nicht so spure, wie es sich der Staat vorstellt, war einfach vernichtend übel.

Nachdem wir das Buch gelesen hatten, haben wir uns im letzten Jahrhundert darauf geeinigt, dass dieses Szenario in naher Zukunft eher unwahrscheinlich ist, da der Staat die technischen Mittel nicht habe, um seine Bürger so umfassend zu überwachen. Das war ein erleichterndes Gefühl aber das grundsätzliche Unbehagen blieb.

Heute beschäftige ich mich in der Mehrheit meiner Zeit mit Steuern und ich sehe die Entwicklung rund um den Globus. Der Betrug ist gewaltig. Es gibt Staaten, die nur 60% der Steuer einnehmen, die sie erhalten sollten. Wie soll der Staat alle seine Aufgaben erfüllen? Die Strassen, Schulen, Spitäler und die Sicherheit finanzieren? Was die Staaten rund um den Globus notgedrungen machen, ist gegen Betrug und Steuerhinterziehung zu kämpfen.

Die Liste der Massnahmen, wie sie dies tun, ist fast unendlich, je nach der Kreativität und dem Einfallsreichtum der einzelnen Steuerbehörden. Ich liebe es, sie alle zu sammeln und ich staune immer wieder wie schnell sich eine Idee, die in einem Staat Fuss gefasst hat, wie ein Feuer global ausbreiten kann. Viele dieser Massnahmen führen zu einem wahnsinnigen administrativen Aufwand und verschlingen mehr Geld in der Umsetzung als sie je in die Kasse reinspülen. Ein Paradebeispiel scheint FATCA zu sein. Das ist ein amerikanisches Gesetz über den Informationsaustausch. Im Grunde genommen ist dies eine Informationspflicht, die Banken gegenüber der amerikanischen Behörde haben, sofern sie Gelder von amerikanischen Kunden verwalten. Wen man liest, wieviel Geld diese administrative Massnahme weltweit verschlingt und wieviel es den USA bringt, stellt sich die Frage, ob der Aufwand und der Ertrag in Verhältnis stehen.

Diese Frage stellt sich bei vielen solchen Massnahmen, weil sie einen enormen Aufwand verursachen, der dem Unternehmen aufgebürdet wird und wo er an dessen Margen nagt. Ich habe kein Verständnis für Betrug, weil es ist unfair gegenüber allen Ehrlichen ist, aber es sollte so erfolgen, dass nicht die Ehrlichen zur Kasse gebeten werden für die Unehrlichen.

Ich hatte lange Zeit Zweifel gehabt, ob sich der Betrug wirklich effizient eindämmen lässt. Mit dem Aufkommen von elektronischen Rechnungen, in Echtzeit übermittelten Daten und unbegrenzten Möglichkeiten der Datenanalyse bin ich jedoch überzeugt, dass wir uns der Zeit der vollständigen Überwachung (und somit der wesentlichen Senkung des Steuerbetruges) sehr nähern. Vielleicht im Jahre 2030? Ich denke nicht, dass man Betrug vollständig beseitigen kann. Bei Betrug geht es auch um Kreativität (auch wenn kriminell) und solange wir Menschen kreativ sein werden, wird es auch Betrug geben. Aber mit moderner Technologie lässt sich Betrug sehr eindämmen.

Und wie stelle ich es mir vor? Es wird in der Zukunft nichts geben, was das Steueramt über jeden Einzelnen von uns nicht wissen wird und das nicht als statische Erfassung per ein bestimmtes Datum, sondern als dynamischer Datenfluss, der in Echtzeit Information liefern wird. Das Steueramt wird alle meine Ausgaben und Einnahmen kennen. Ich nehme an das Bargeld wird abgeschafft und da alle Zahlungen elektronisch laufen, wird eine “FATCA” das Steueramt über alle meine Ausgaben und Einnahmen informieren. Das Steueramt wird aber auch wissen, wo ich mich aufhalte, weil ich an bestimmten Orten Abgaben entrichten müssen werde und diese werden automatisch abgebucht, wenn ich zum Beispiel London Bridge, den Hauptbahnhof, Flughäfen und ähnliche Orte betrete. Auch meine Gesundheitsdaten werden bekannt und mein Verhalten entweder in einer Reduktion der Krankenkassenprämie oder durch eine Steuer berücksichtigt. Das wird so aussehen: Sollte ich zb. Übergewicht haben (auch das wird täglich automatisch erfasst), mich ausserdem zu wenig bewegen (die Schritte und die Pulshöhe während des ganzen Tages werden erfasst), dazu noch leicht erhöhte Cholesterinwerte habe und dennoch das Risiko eingehen wollen zum Mittagessen eine Pizza zu bestellen, so wird der Steuersatz auf diese Pizza nicht wie zur Zeit 7.7% sondern 55% sein, um mich zur Vernunft zu bringen. Die Steuer auf den Salat bleibt weiterhin bei 7.7%. Das gleiche geschieht in allen anderen Bereichen unseres Lebens. Wir werden gläsern.

Werden uns noch Freiräume bleiben? 2030 wahrscheinlich schon noch. 2070 werden sie winzig klein sein und der Druck zu konformem Verhalten wird riesig sein, so wie man es in China schon heute beobachten kann. Aber vielleicht wird dies die zukünftige Generation als selbstverständlich betrachten und vollständig akzeptieren. Schlussendlich werden wir die Steuer senken, da der Betrug sehr erfolgreich bekämpft worden ist.

 

Bildquelle: fotoART by Thommy Weiss / pixelio.de

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