Michaela Merz

Der Staat und ich

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309712_web_R_K_B_by_RainerSturm_pixelio.deIch bin gerne ein Staatsbürger. Ich schätze den Staat, in dem ich lebe sehr. Ich erbringe ihm meine Wertschätzung indem ich meinen Pflichten nachkomme, die Rechnung, die er mir für seine Arbeit sendet pünktlich zahle und die Gesetze, die er aufstellt, einhalte.

Ich schätze sehr, was er macht, ob es sich um Bildung, Strassenbau, Sicherheit oder Gesundheit geht, um nur Einige zu nennen. Ich schätze es sehr in geordneten Verhältnissen zu leben, Planungssicherheit und Verlässlichkeit zu haben. Ich bin unendlich dankbar in einem Staat ohne Korruption zu leben und ich weiss selbst, dass es alles andere als selbstverständlich ist.

In letzten Jahren schleicht sich aber bei mir das Gefühl ein, dass diese Wertschätzung einseitig ist und dass der Staat mit mir nicht immer ganz fair umgeht. In der letzten Zeit bekomme ich nämlich von verschiedenen Ämtern sehr viele schriftliche Anfragen. Sofern man sie in einer Minute beantworten kann und sie allgemeiner Natur sind, kann ich mit ihnen leben. Je länger je mehr werden diese Anfragen jedoch sehr zeitaufwendig und sehr intim. Zum Beispiel will der Staat von mir meine Wohnungsnummer wissen. Ich weiss nicht einmal was meine Wohnungsnummer ist. Der Staat hat begonnen alle seine Wohnungen zu nummerieren, hat mir meine Nummer aber nie mitgeteilt. Jetzt will ein Amt von mir wissen, welche Nummer meine Wohnung hat. Diese Nummer ist mir aber von einem anderen Amt zugeteilt worden. Ich weiss aber nicht, um welches Amt es sich handelt. Ich müsste erst überhaupt herausfinden, welches Amt diese interessante Aufgabe hatte und dann müsste ich vielleicht für diese Auskunft auch noch zahlen. Mein Staat verlangt sehr oft Gebühren für alle Arbeiten die er für mich macht. Meine Arbeit verlangt er aber unentgeltlich, obwohl er die Nummer eigentlich selbst herausfinden können sollte.

Oder der achtseitige Fragebogen mit unzähligen Fragen, den ich im Zusammenhang mit der Volkszählung Anfang Januar im Briefkasten fand. Ich schätze den Arbeitsaufwand um ihn auszufüllen auf etwa 2 Stunden. Ich bin zu 100% erwerbstätig, habe Kinder, Eltern, die meine Unterstützung brauchen, den Haushalt, also wirklich viel zu tun. Ich frage mich, ob der Staat das Recht hat meine kostbare und extrem rare Freizeit unentgeltlich zu beanspruchen. Wenn ich nicht mitmache droht er mir mit einer Busse von 1000 Franken. Von Wertschätzung keine Spur. Hinzu kommt, dass die Fragen sehr intim sind und einem beinahe unter die Bettdecke schauen. Geht dies den Staat wirklich etwas an?

Jede Beziehung ist ein Geben und Nehmen. Ich zahle meine Steuern gern und fand es richtig, dass der Staat so viel Geld von mir bekommt. Jetzt beginne ich mich fragen, ob es nicht besser wäre, dass er vielleicht weniger bekommt und dafür weniger Aufgaben übernimmt. Alle die Fragen, die er mir sendet, täte ich nämlich nicht vermissen.

Bildquelle: Rainer Sturm @ pixelio.de

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