Michaela Merz

Die Geschichte meiner Nachbarin

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Unsere Nachbarin war eine alte Dame, eine Katzenmutter. Sie wohnte in einem alten Holzhaus mit Hirschgeweihen über dem Eingang. Sie war sehr eigenwillig und ab und zu gar nicht nett. Aber wenn alles stimmte, konnte sie sehr witzig sein und spannende Geschichten erzählen, die soweit zurücklagen, dass man darüber in Geschichtsbüchern nachlesen könnte.

Sie ist einmal Opernsängerin gewesen und hat die ganze Welt bereist, hat Vieles gesehen und erlebt, ist vielen Berühmtheiten ihrer Zeit begegnet. Sie sagte mir mal, dass sie wenn sie Schmerzen hat und das käme leider immer häufiger vor, alle Leute hasse, auch sich selber. Wenn ich ihr in so einer Minute begegne, sollte ich nicht erwarten, dass sie meinen Gruss erwidere. Sie sagte, dass die magische Grenze irgendwo bei 70 Jahren liegt. Bis dann hält der Körper mit dem Kopf Schritt. Danach macht sich der Kopf selbständig und hängt den Körper ab. Im Kopf ist sie noch immer 30 Jahre alt mit Träumen, Wünschen und Vorstellungen, aber ihr Körper zerfällt und lässt sie im Stich. Sie war nicht besonders traurig, als sie es mir erzählt hatte, aber mir wurde irgendwie eng im Hals und ich fühlte mich ziemlich bedrückt.

Dann stürzte sie eines Tages in ihrem Haus auf der Holztreppe und brach sich den Oberschenkelhalsknochen und kam ins Spital. Ich besuchte sie dort und fand eine andere Frau vor. Es war mehr als ein Knochen gebrochen. Sie hielt meine Hand mit ihren beiden Händen, hatte Tränen in den Augen und sagte immer wieder, dass sie nach Hause wolle und nicht ins Pflegeheim. Ich erkundigte mich bei der Krankenschwester, was los sei und die sagte mir, dass meine Nachbarin wahrscheinlich nie mehr laufen werde und auf einen Rollstuhl angewiesen sein werde. Das Haus meiner Nachbarin war alt und alles anderes als rollstuhlgängig. Auch wenn sie genug Geld hätte, wie konnte diese alte, hilflose Frau ihr Haus vom Krankenbett aus umbauen, damit es überhaupt eine Chance gab, nach Hause zurückzukehren. Und selbst wenn das alles klappen könnte, könnte sie wirklich alleine im Rollstuhl so abgelegen wie wir sind wohnen? Ich verstand die Ausweglosigkeit der Situation. Und auch ich konnte nicht helfen.

Das, was sie so sehr fürchtete, trat ein und sie wurde in ein Pflegeheim überwiesen. Das Pflegeheim ist nicht weit weg von uns und so konnte ich sie ab und zu besuchen. Sie hat sich ein bisschen erholt aber ihr Lebenswille ist nicht wirklich zurückgekehrt. Es war ein trauriges Schauspiel, sie so gebrochen zu beobachten. In ihr Haus zog ihre Enkelin. Das war das erste Mal, dass ich erfuhr, dass sie auch Kinder haben musste. Bis anhin hatte ich keine Ahnung von ihrer Familie gehabt, da sie darüber nie sprach. Das Haus ist zu einem neuen Leben erwacht. Bunte Lämpchen wurden im Garten und auf dem Balkon aufgehängt, Musik dröhnte aus den geöffneten Fenstern und am Morgen konnte man die übriggelassenen Reste einer Gartenparty sehen.

Dann starb meine Nachbarin und da ich keine Angehörige bin, habe ich nicht erfahren warum. Als es passierte, war ich in den Ferien und nach meiner Rückkehr war sie schon beerdigt. Ich erfuhr, dass ihre Tochter das Haus erbte. Nach kurzer Zeit fuhren die Bagger an und von dem altem Holzhaus mit Hirschgeweihen ist nur eine Mulde Schutt geblieben. An dessen Stelle kam ein Mehrfamilienhaus mit mehreren Wohnungen. Keiner aus ihrer Familie zog ein. Alle Wohnungen wurden vermietet, obwohl es relativ lange gedauert hatte. Ich wunderte mich warum und schaute auf der Vermietungsplattform nach. Als ich die Miete pro Monat sah, wurde ich fast erschlagen. Gott waren die unverschämt hoch. Jetzt war auch klar, warum einige der Wohnungen noch leer waren. Nach einem dreiviertel Jahr aber, fanden schlussendlich alle einen Abnehmer.

Wir alle wünschen uns, zu Hause zu sterben wenn es eines Tages soweit sein wird. Am Abend einschlafen und nie mehr wach werden. Dieser Traum geht bei den Wenigsten in Erfüllung. Bei meinem Grossvater hat es geklappt, alle anderen meiner Grosseltern sind im Spital gestorben. Irgendwo, wo sie wie meine Nachbarin gar nicht sein wollten und obwohl ich und meine Eltern uns Mühe gaben, ändern konnten wir es nicht.

Wenn ich so über das Unvermeidliche nachdenke, darüber, was von jedem von uns bleibt, so ist es wenig das Materielle, sondern das, was wir an immateriellen Werten geschafft und weitergegeben haben.

Wie man diese Erkenntnis allerdings einem 20jährigen glaubwürdig vermitteln kann, weiss auch ich nicht.

Bildquelle: Louise / pixelio.de

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