Michaela Merz

Alopecia areata (Kreisrunder Haarausfall) oder wozu Latein auch noch gut ist

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Dita war 16 Jahre alt als sie das erste Mal eine kleine runde kahle Stelle hinten auf dem Kopf versteckt in ihrem Haaren bemerkt hatte. Das war soweit gar nicht so schlimm, weil Dita hatte lange dicke Haare und diese Stelle war so geschickt versteckt, dass es eigentlich kein Mensch je sehen konnte. Auch Dita hat die Stelle nicht gesehen, sondern eigentlich erst ertastet. Wenn man 16 Jahre alt ist und die Pubertät voll durchschlägt ist das Äussere das Mass aller Dinge. Ein Mädchen mit einer Glatze auch wenn es sich kaschieren lässt, ist ein Mädchen mit einer Macke. Dita war verängstigt. Was ist wenn sich mehrere solcher Stellen bilden werden? Was ist wenn sie alle ihre Haare verliert? Was ist wenn es gut sichtbar sein wird? Was ist wenn es ansteckend ist? Was ist wenn sie irgendeine tödliche Krankheit hat?

Der Besuch beim Arzt hat sie nicht wirklich beruhigt. Der Arzt erklärte ihr, dass sie einen sogenannten kreisrunden Haarausfall hat, dass man nicht weiss warum es entsteht. Wahrscheinlich eine Immunkrankheit. Man weiss auch nicht wie man die Krankheit vorbeugen konnte. Man weiss nicht wie die Krankheit zu heilen wäre. Kurz gesagt, man weiss eigentlich nichts. Das einzige was man weiss ist, dass es an allen behaarten Stellen vorkommen kann und wenn man wirklich Pech hat, können alle Haare ausfallen – Kopfhaare, Augenbrauen sogar Schamhaare. Dita war erschrocken. Die Tatsache, dass sie keine tödliche Krankheit hat, hat sie nicht beruhigt oder nur für ein paar Sekunden. Die Vorstellung, dass sie da sein konnte, aber ohne alle Haare, war entsetzlich und schmerzhaft.

Dita vertraute dem Arzt nicht und machte eine Tour von Arzt zu Arzt aber überall bekam sie ähnliche Auskunft bis auf eine Ausnahme. Doktor Wagner erkannte, dass Dita’s Probleme seelischer Natur sind und verschrieb ihr Zink, Peptide und DCP. Um den Effekt zu verstärken, gab er es ihr in Spritzenform. Doktor Wagner wusste, dass es wahrscheinlich nicht gross hilft, aber verschlimmern konnte es auch nicht. Dafür ist es aber Dita nach der ersten Spritze sofort wieder besser gegangen. Doktor Wagner erklärte ihr, dass die Therapie ein Jahr dauern wird und Dita sehr diszipliniert sein muss und schädliche Einflüsse meiden. Dita pendelte dankbar und beruhigt jeden Monat für eine Spritze zu ihm, mied Alkohol und überhaupt benahm sie sich wie eine Musterschülerin. Und tatsächlich nach einem Jahr war die kahle Stelle wieder zugewachsen. Placebo von Doktor Wagner hat funktioniert. Aber seien wir ehrlich, auch ohne die Medikamente wäre die Stelle nach einem Jahr wieder zugewachsen.

In Verlauf ihres Lebens hatte Dita immer wieder diese kahlen Stellen gehabt. Wenn sie Glück hatte gut versteckt in ihrem dichtem Haar, wenn sie Pech hatte fielen ihr die Augenbrauen aus oder die kahle Stelle bildete sich so, dass verstecken kaum möglich war.

Eine Placebo Therapie brauchte Dita aber nicht mehr. Sie verstand, dass diese Krankheit Teil ihres Lebens ist und vertraute, dass sich die Stellen wieder zurückbilden werden. Mit der Zeit realisierte sie auch, dass die Leute es eigentlich gar nicht merken und falls es doch mal jemand merkte, erklärte sie dass sie eine ungefährliche Immunkrankheit Namens Alopecia areata hat. Das klingt doch 10’000 Mal besser als Kreisrunder Haarausfall. Da merkt man, dass Latein auch banalem einen Hauch von Noblesse geben kann.

 

Bildquelle: Karin Schmidt  / pixelio.de

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