Michaela Merz

Die letzte Wahl

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Am Sonntag habe ich die Sonnenstrahlen in einem kleinen Café am Seeufer genossen. Mein Jüngster spielte auf dem nahegelegenen Spielplatz und ich hatte einen der seltenen Momente, wo ich einfach Leute rund um mich herum ziellos beobachten konnte.

Am Tisch neben mir sassen zwei ältere, zierliche Damen, eine mit einem kleinem Hut. Am nächsten Tisch sass ein Herr bei der Lektüre der Sonntagszeitung, dann ein jüngeres Paar mit verliebten Blicken und endlosen kleinen, hungrigen Berührungen, zwei junge, tratschende Freundinnen, herausgeputzt wie auf einer Modenschau, an zwei Gläsern Prosecco nippend.

Ich beobachtete und gleichzeitig vernahm ich Fetzen von Diskussionen. Belanglos, freundlich, unverbindlich. Bis ich bei einer dieser Konversationen faszinierend hängen geblieben bin. Es waren die zwei alten, eleganten Damen neben mir.

“Erika, ich habe mir den Friedhof Fluntern angeschaut“ sagte die eine und warf ein Assugrin in ihren Kaffee.
“Du hast Recht, es ist richtig schön, weitläufig und gerade neben dem Wald,“ fuhr sie fort, “aber es ist auch neben dem ZOO und ich habe dort komische Geräusche gehört und vielleicht stinkt es dort auch, je nach dem von wo der Wind kommt. Das hat mir gar nicht gefallen.“
Die andere nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
“Ja ja Edith“, sagte sie leise und ich musste mich sehr anstrengen, um sie richtig zu verstehen. “Der Friedhof in Erlenbach ist am Schönsten, so angrenzend an den See, ruhig und mit Weitblick über das Wasser,“ fuhr sie fort.
“Erika, das kann sein, aber ich will nicht ausserhalb der Stadt sein“, antwortete die erste.“ Das ganze Leben habe ich in der Stadt gelebt. Ich werde doch nicht am Schluss auswandern. Das haben wir schon ein paar Mal besprochen, “ sagte sie mit leicht empörter Stimme.
“Edith, ich weiss, dass dir der Privatfriedhof oberhalb von Stadelhofen am besten gefällt, aber das schaffen wir nie, “ sagte die zweite immer noch mit sehr leiser Stimme.
“Wir haben es doch gar nicht richtig probiert“, antwortete die erste. Und sie klang empört und flehend.
Sie schauten sich an und die eine berührte die Hand der anderen. Waren es Schwestern? Freundinnen?
Ist es möglich, dass sie nach einer passenden letzten Ruhestätte suchen? Es hat nicht so ausgesehen, als ob sie bald eine bräuchten. Und gibt es in Zürich einen Privatfriedhof? Ich hatte viele neugierige Fragen und wollte gerade dazu ansetzen, die Damen anzusprechen.

Aber dann kam mein Jüngster angerannt mit blutiger Hand und Tränen in den Augen und meine Prioritäten haben sich verschoben. Das Leben kommt zuerst.

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