Michaela Merz

Kampf um den Liegestuhl

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Vor etlichen Jahren habe ich das Phänomen der leeren Liegestühle beobachtet.

Dieses Jahr musste ich feststellen, dass der Kampf um die Liegen aggressiver geworden ist. Ich bin in Thailand einem wunderbaren Land mit freundlichen Leuten, die ein ständiges Lachen auf den Lippen haben. Am Meer mit hoch sommerlichen Temperaturen wird der Geist und Körper träge, gemächlicher.

Es ist Neujahr und das Hotel, in dem ich wohne ist ausgebucht. Zum Hotel gehört auch ein grosser Swimmingpool mit unzähligen Liegestühlen. Wenn ich am Morgen um sieben das Hotel verlasse um dem Meeresufer entlang zu laufen, beobachte ich jeden Tag einzelne Individuen, wie sie mit Tüchern mehrere Liegestühle belegen und dann wieder davon schleichen. In mir weckt dies negative unangenehme Gefühle, aber beim Laufen verflüchtigen die sich wieder. Wenn ich zwischen acht und neun zurück komme sind alle Liegestuhle mit Tüchern bedeckt aber breit und weit ist kein Mensch zu sehen.

Ich brauche einen Liegestuhl am Pool so gut wie nie und darum ist mir da alles egal. Gestern war ich mit dem Stand-up Paddle auf dem Meer und habe den Wind unterschätzt. Ich bin zu weit gepaddelt und der Rückweg zum Ufer mit einem starken Gegenwind hat meine Kräfte mehr als beansprucht. Ich bin ziemlich geschafft angekommen. Eine Erholungspause war angesagt.

Nach der Dusche beim Pool habe ich zu meiner Überraschung einen leeren, noch unbelegten Liegestuhl entdeckt. Ich schleppte ihn näher ans Hotel in den Schatten und beobachtete das Treiben am Pool. Da kam ein dünner, bleicher Mann mit entschuldigendem Lachen mit einer Liege und stellte sie etwa zwei Meter von meiner Liege entfernt in den Schatten des Hotels. Kaum hatte er es geschafft sein Tuch auf dem Liegestuhl auszubreiten, da kam ein Muskelpaket von Mann angerannt und schrie diesen bleichen, dünnen Mann auf Englisch an, was ihm einfiele seine Liege zu nehmen.

Da ich die Situation nicht von Anfang gesehen hatte, konnte ich nur mutmassen, wie die Geschichte begonnen hatte. Der dünne, bleiche Mann hat aber nicht gerade den Eindruck vermittelt, dass er umherschleicht und Sachen stiehlt. Eher hat er mit seiner, kleinen runden Brille wie ein zerstreuter Professor gewirkt. Der Muskelprotz schnappte die Liege, schmettert alle die darauf liegenden Sachen auf den Boden und wollte mit dem Liegenstuhl weg gehen. Aber das wollte sich der Dünne nicht gefallen lassen. Er hielt die Liege am anderen Ende und fragte den Muskelprotz, woran man denn erkennen solle, dass dies seine Liege sei. Der Muskelprotz schrie zurück, dass sie vor seinem Hotelzimmer stand. Das war hoch gegriffen, weil bei keinem der Parterre Hotelzimmer eine Liege dabei war. Der dünne Bleiche fühlte sich im Recht und wollte nicht nachgeben.

Ich sass an meiner Liege und beobachtete die Situation mit einem halben Meter Entfernung mit Verwunderung. Ich war ungefragt in der Mitte des Geschehens. Eine Eskalation schien unabwendbar und ich überlegte fieberhaft, wie ich es verhindern könnte, aber mir kam keine brauchbare Idee in den Sinn. Da liess der Muskelprotz die Liege fallen, hob beide Fäuste hoch und nahm eine Kampfstellung ein. Ich sah die Anspannung seiner Muskeln, die Konzentration, den Kampfwillen. Ich wünschte mir, dass der dünne Bleiche aufgibt, weil ein Schlag dieser Fäuste in sein schmales Gesicht könnte nicht nur seine Ferien beenden sondern unermesslichen Schaden anrichten.

Er dachte aber gar nicht daran auf zu geben. Und so standen beide mit Hass im Gesicht ein paar Zentimeter voneinander entfernt, bereit zu kämpfen und ihre Gesundheit und Freiheit zu riskieren für etwas so Sinnloses wie einen Liegestuhl, der keinem von Beiden gehörte. Der Muskelprotz wollte schon schlagen, aber er wusste, dass er nicht beginnen durfte. Er rief wiederholt dem dünnen Bleichen zu, er solle doch endlich zuschlagen. Der aber beschimpfte den Muskelprotz aufs Übelste, liess die Hände aber neben seinem Körper hängen. Ich wartete bis dem Muskelprotz die Geduld ausgehen würde und er zuschlüge.

Aber da kamen die Hotelangestellten angerannt und warfen sich zwischen die zwei Männer. Der Muskelprotz schnaufte verächtlich, schnappte sich die Liege und trug sie weg. Die Hotelangestellten brachten dem Dünnen eine weitere Liege. Der Nachmittag ist dann weiter gemächlich zu Ende gegangen. Nein, wegen einem Liegestuhl sollte man nicht kämpfen.

Bildquelle: Rolf Schlatter  / pixelio.de

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