Michaela Merz

Weihnachtsgeschenk

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750086_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.deEs ist einfach Kindern Geschenke zu machen, solange sie klein sind. Am besten ist die Zeit, wo sie noch glauben, dass es eine dritte Macht gibt, die ihnen die Geschenke bringt. Das Christkind, der Weihnachtsmann oder der Osterhase. Da gibt es nur Freude und Begeisterung. Zuzuschauen wie sich so ein Kind freut ist einfach herrlich und unbeschreiblich schön.

Danach wird es schwierig. Je älter die Kinder werden, umso schwieriger wird es ein spontanes Geschenk zu kaufen, insbesondere wenn sie in die Pubertät kommen und man sie vorher nicht ausgiebig ausgefragt hat, um das richtige Model oder Typ des Geschenkes zu erwischen.

Anstelle von Freude kommt Frust auf beiden Seiten.

Noch schwieriger wird es mit den eigenen Eltern oder Grosseltern, insbesondere wenn sie sich selber alles leisten können, was sie sich so wünschen. In dem Jahr als meine Grossmutter starb, war mein Grossvater unheimlich traurig und gemäss meiner Einschätzung hatte er keine wirkliche Freude mehr am Leben. Kurzerhand kaufte ich einen Käfig und einen Kanarienvogel. Mein Grossvater besass zu diesem Zeitpunkt keine Tiere und hatte auch nicht den Wunsch geäussert, dass er gerne welche hätte. Ich war damals knapp über 20 Jahre alt und fand, dass nur ein Tier, das ihm Gesellschaft leistet, ihm die Lebensfreude wieder bringen könnte. Am Heiligen Abend nach dem Nachtessen begannen wir die Geschenke auszupacken. Mein Grossvater packte den Käfig aus und zog die Augenbrauen hoch. Nein, in seinem Gesicht war keine Freunde zu lesen, eher Unmut. Es war auch ohne Worte klar, dass er meine Idee missbilligte.

Ich hatte für diese Situation einen Plan B parat. Der Kanarienvogel würde einfach bei mir bleiben. Wir packten weiter Geschenke aus und Grossvater schaute immer zu dem Vogel. Plötzlich, aus heiterem Himmel sagte mein Grossvater, dass er nach Hause müsste. Das klang ziemlich verrückt, weil niemand und nichts am 24. Dezember um 9 Uhr am Abend auf ihn warteten, aber da war er schon aufgestanden und begann sich anzuziehen. Meine Eltern versuchten ihn aufzuhalten, aber Großvater hatte seine Entscheidung gefällt und war nicht‎ aufzuhalten.

Von all seinen Geschenken nahm er nur ein einziges mit – den Käfig mit dem Kanarienvogel, den er in der Weihnachtsnacht etwa eine dreiviertel Stunde zu Fuss durch die stille Stadt bis zu seiner Wohnung trug. Es war offensichtlich Liebe auf den zweiten Blick und mein Grossvater wurde zu einem grossen Kanarienvogelzüchter. Sein grosses Wohnzimmer wandelte er in eine grosse Voliere um und die vielen Vögel, die er mit der Zeit besass, wurden für ihn das allerwichtigste in seinem Leben.

Ja, manchmal kann man mit einem Geschenk Mitten ins Schwarze treffen.

 

Bildquelle: Tim Reckmann / pixelio.de

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