Michaela Merz

Die einsame Sonnenblume

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OLYMPUS DIGITAL CAMERABei uns in der Strasse wurde die Wasserleitung unter der Strasse ersetzt. Das ist sicher notwendig und begrüssenswert, aber für mich als Anwohnerin bedeutete es unglaubliche zwei Jahre Lärm, kaum befahrbarer Weg und eine Menge Ärger mit oft versperrter Zufahrt. Ich habe es nicht genossen. Nach einem halben Jahr hatte ich die Nase voll und wenig Verständnis für die Strassenbauarbeiter.

Der Lichtblick in dieser düsteren Phase wurde eine Sonnenblume, die dieses Jahr aus dem Nichts wuchs und sich an einen Betonpfeiler der Absperrung anlehnte. Sie war hoch, sicher über 1.5 Meter, kräftig und gesund, gedieh und ich freute mich jedes Mal, wenn ich sie sah. Die Blüte hatte sich noch nicht geöffnet. Als die Baustelle und auch die neue Strasse endlich fertig waren, begann das grosse Aufräumen. Maschinen, Container, mobile WCs wie auch die Absperrungen verschwanden nach und nach. Die Sonnenblume und der Betonpfosten blieben. Bis ich eines Tages nach Hause kam und der Pfosten weg war und die Sonnenblume mit bereits schwarzen Blättern am Boden lag. Ich war unendlich traurig und wusste nicht wie helfen. Die Sonnenblume, der Lichtblick, schaffte es nicht mal zu blühen. Ich betrachtete sie wie sie da am Boden lag, nicht abgetrennt, aber ihrer Lebendigkeit beraubt, sterbend in schwarz gekleidet.

Am zweiten Tag am Morgen staunte ich. Jemand hatte einen stabilen Stock im Boden platziert, die Sonnenblume aufgestellt und an den Stock angebunden. Der Boden rund um die Pflanze war nass, obwohl es schon seit Tagen nicht geregnet hatte. Die Blätter waren pechschwarz und die ganze Pflanze sah jämmerlich aus, aber sie stand. Wenn sterben, dann im Stehen dachte ich und war froh um diese Aktion‎. Als die Tage vergingen, konnte man eine unglaubliche Wandlung beobachten. Die Blätter wurden wieder grün und saftig und am 20. September öffnete die Pflanze erstmals ihre Blüte. Mit jedem Tag sah sie kräftiger und gesünder aus und der sehr warme September half ihr zu wachsen.

Ich bin froh darüber und erfreue mich jeden Tag an ihr. Ich hatte sie aufgegeben und wusste nicht wie helfen. Jemand aber half. Das Resultat ist schlechthin verblüffend. Es ist nur zu wünschen, dass es in jeder fast aussichtslosen Situation jemanden gibt, der nicht aufgibt.

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