Michaela Merz

Rotes Kleid (eine Geschichte meiner Studienkollegin)

Leave a comment

Während meines Wirtschaftsstudiums in Prag rief mich mein Kollege aus Brünn an und bat mich zu kommen. Er brauchte nämlich sofort Hilfe. In seiner Fabrik streikten die Arbeiter. Es war August und ich hatte Ferien. Mir schmeichelte es, dass ein Fabrikdirektor mich um Hilfe bat.

Ich packte meine Sachen, nahm den ersten Zug nach Brünn. Der Fabrik ging es nicht so gut und mein Kollege hatte den Arbeitern ihre Jahresprämie von 500 Krone gestrichen. Verständlicherweise gingen die Emotionen hoch. Überall am Gebäude war gesprayt “Gib uns die 500 zurück“ oder “Gib uns die 500 zurück, du Schlange!!“

Mein Kollege wollte von mir, dass ich mich als Journalistin ausgebe, den Mitarbeitern zuhöre, sie ernstnehme und erzähle, dass ich einen Artikel darüber in der Zeitung schreibe. Er erklärte mir auch, dass er einen Teil der Belegschaft entlassen müsste, wenn sie nicht auf diese Jahresprämie verzichteten, aber so offen wollte er es ihnen nicht sagen. Sonst würde er sie in zwei Lager spalten und dann war es ihm lieber als Schlange angesehen zu werden.

Ich hatte nicht viel Ahnung wie ein Journalist vorgeht, aber ich fragte und hörte ihnen zu. Ich verbrachte fast den ganzen Tag mit den Streikenden und schrieb meinen mitgebrachten Block voll. Nachmittags war ich von der Anspannung nichts falsch zu machen ganz ko.

Mein Kollege nahm mich am Abend mit und wir fuhren zu einem Weinkeller in ein nahe gelegenes Dorf. Ich zog mich um und zog mein knallrotes Kleid mit Spaghettiträgern und weitem wehenden Rock an. Der Abend war toll, wir tranken guten Wein, assen viel und hörten Geschichten aus einer Welt, die für mich noch unverständlich war.

Weil alle getrunken hatten und es sehr spät, fast 4 am Morgen war, übernachteten wir vor Ort. Ich machte mit meinem Freund ab, dass er in der Früh zur Arbeit fährt und ich nach dem Aufwachen mit dem Bus nachkommen würde. Er hielt es für keine gute Idee, aber als er sah, dass ich nicht bereit war nach 2 Stunden Schlaf aufzustehen, liess er mich.

Als ich aufwachte, war schon nach 11 Uhr. Ich duschte und zog mein rotes Kleid an. Ich hatte sonst nichts da. Dann marschierte ich zu der Busstation. Nur gab es da nicht viele Verbindungen. Der letzte Bus Richtung Brünn war um 11 abgefahren und der nächste ging erst wieder um 15 Uhr. Ich fragte nach Alternativen und erfuhr, dass 5 km von dort ein Bahnhof war und von dort die Züge jede Stunde nach Brünn fahren. Ich war nicht bereit zu warten. Ich machte mich auf den Weg. Es war eine Hauptstrasse mit einer Menge Verkehr. Es wäre einfach gewesen, per Autostopp die paar Kilometer zu fahren. Aber das wollte ich nicht. Allein autostoppen kam für mich nicht in Frage und ich hatte meine Grundsätze.

Es war heiss an diesem August Mittag, die Sonne brannte und ich naive 20-jährige marschierte in meinem knallrotem Abendkleid Richtung Brünn.

Etwa nach 2.5 Kilometer hielt neben mir ein Auto und der Fahrer sagte im Ton eines Oberbefehlshabers “Steig ein“. Ich schaute ihn verdutzt an. Ein Mann mittleren Alters mit Bart, den ich noch nie gesehen hatte. Ich ging weiter. Er stieg aus und sagte noch lauter “Steigen Sie ein“.

“Warum sollte ich zu jemand Fremden ins Auto steigen? Ich habe keine Bedürfnis gefahren zu werden,“ antwortete ich verärgert.

“Junge Frau, ich bin der lokale Tierarzt. Ich sah sie schon einmal als ich in die umgekehrte Richtung gefahren bin. Vielleicht ist es Ihnen entgangen, aber Sie sind eine öffentliche Gefahr. Jeder Fahrer dreht den Kopf nach ihrem roten Kleid. Ich auch. Da ist es nur eine Frage der Zeit bis jemand dann einen Unfall verursacht,“ antwortete er weniger schroff, fast höflich.

“Wohin gehen Sie?“ fragte er noch leise.

Ich habe nachgegeben und liess mich zum Bahnhof fahren. Auch Grundsätze müssen unter gegebenen Umständen hinterfragt werden.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s