Michaela Merz

Jeder ein Held

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Wir waren schwimmen. Am Sonntagnachmittag, wenn es draussen nieselt, der Himmel mausgrau und die Temperaturen sehr tief sind, wird jedes Schwimmbad in der Stadt voll. So war es auch an diesem Tag. Ich und mein Jüngster (7) haben uns erst ein Fleckchen im Nichtschwimmerbecken gefunden. Spielen war aber gar nicht einfach, weil es so viel Leute gab, die Bälle warfen, sich bespritzten, geschlagen haben und eine Menge kleiner Mädchen mit schrillen Stimmen, die sie gnadenlos in voller Dezibelstärke einsetzten. Nach einer halben Stunde hatten wir einfach genug und gingen zum Springturm.

Der Springturm ist immer fest in männlichen Händen. Ab und zu wagt sich ein kleines Mädchen dazu, das aber meistens nur vom 1 Meter springt und selten dann eine junge Frau, die dann mehrheitlich den veralteten Geschlechterstereotypen huldigt im Sinne von unentschlossen auf dem 3 oder 5 Meter Sprungbrett hin und her laufen, die Nase vor dem Sprung zu heben, ängstlich zu kreischen und Ähnliches. Die 7.5m und 10m Bretter gehören den Männern, die dann Verschiedenes zu Belustigung des ganzen Hallenbads vorführen.

Es fiel mir auf wie wenig sportlich ihre Figuren aussehen, wie das Fett um den Bauch schwabbelt und wie es bei den meisten jungen Männern zu viel Kilos sind. Sixpack war schon lange keiner zu sehen.

Und in dem Moment sahen wir diesen jungen Mann. Etwa 25 Jahre alt, mindestens 130 kg und überhaupt nicht sportlich. Er stand auf dem 7.5 m Sprungbrett, setzte zu kurzem Sprint an und mit voller Wucht, Füdli nach vorne, landete er im Becken. In dem Moment wurde es im ganzen Hallenbad mucksmäuschenstill, die kleinen Mädchen hörten auf zu kreischen, Kinder zu spielen, Schwimmer zu schwimmen und alle Blicke waren zum Sprungbecken gerichtet. Nach seinem Sprung spritzte das Wasser fast zum 7.5m Sprungbrett zurück. Tobender Applaus und skandierte Zugaberufe erfüllten das Hallenbad.

Und er liess sich nicht lumpen und lieferte noch paar Zugaben, die das Hallenbad jedes Mal zu völliger sakraler Stille brachten und dort eine olympische Stimmung auslösten. Keiner der anderen jungen Männer, die versuchten ihn nachzuahmen, schaffte nur etwa annäherungsweise so Beeindruckendes.

Er war der Held des Tages, der bewundernde Blicke einsammelte. Seine Spritzsprünge haben ihn an diesem Nachmittag für die Goldmedaille qualifiziert.

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