Michaela Merz

In 20 Minuten Flughafen retour

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Mein Vater hat mich besucht. Ein Herr 70 plus ohne Fremdsprachenkenntnisse, nicht wirklich gewohnt zu fliegen. Dafür ist er ein wahrer Gentleman, einer von dem Aussterben bedrohten Sorte. Er hält die Tür auf, damit eine Frau eintreten kann, er hält einer Frau den Mantel zum Anziehen hin und er trägt die Taschen, den Koffer, den Einkauf als Vertreter des starken Geschlechtes. Ich schätze es an ihm sehr und ich geniesse es. Dafür kann er ausser Tee und Kaffee nichts kochen und ich glaube er hat noch nie in seinem Leben Kleider gewaschen.

Mit seinem zunehmenden Alter und entsprechenden Altersbeschweren sind bestimmte Sachen, die früher selbstverständlich waren, zu Bürden, zu einer mit Schmerz verbundenen Angelegenheit geworden, wie zum Beispiel das Tragen von schweren Sachen. Ich hätte es ihm gerne ausgeredet, dass ich es nicht wirklich erwarte, dass er meine Taschen trägt, auch wenn ich es sehr schätze. Einfaches Vorhaben, sehr schwierig umsetzbar, weil er sich weigert seine neue Altersgrenze und die damit zusammenhängenden Einschränkungen zu akzeptieren. Somit arbeite ich mit Tricks, die er durchschaut, aber stillschweigend duldet.

Als ich ihn nach einer Woche Aufenthalt zum Flughafen fahren wollte, habe ich vorgeschlagen die Tasche in den Lift zu stecken und nicht die Treppe nach unten tragen. Ich steckte seine Tasche in den Lift und wir machten uns zu Fuss die Treppe nach unten auf den Weg zum Auto. Wir wollten früh am Flughafen sein, damit er genug Zeit hat, sich an dem fremden Ort zu orientieren, alles zu finden und in Ruhe abzufliegen. Ich parkierte das Auto in der Garage, öffnete den Kofferraum und staunte, weil er leer war. Wir hatten beide nicht an die Tasche gedacht und hatten sie im Lift vergessen. Es war 16.20 und sein Boarding war um 17.10. Ich checkte ihn ein, zeigte ihm wo er hingehen musste und fand für ihn einen Ort draussen beim Abflug. Wir machten ab, dass wenn ich nicht bis 16.50 mit der Tasche zurück wäre, er zum Flugzeug gehen sollte. Ich küsste ihn und machte mich im Sprinttempo auf den Weg.

Es war 16.29 als ich das Parkticket bezahlte. Ich hielt es für unmöglich in 10 Minuten zu uns nach Hause zu fahren und in 10 Minuten zurück, aber ich fuhr. Schlussendlich habe ich es ihm versprochen, es zu tun ohne Gesetze zu übertreten. Mit jedem Kilometer und mit jeder Minute näher stieg mein Wettkampfgeist wie auch mein Adrenalinspiegel. Ich hatte unglaubliches Glück und wurde durch eine grüne Welle an den Ampeln begleitet. Um 16.38 war ich zu Hause und um 16.39 wieder mit der Tasche auf dem Rückweg zum Flughafen. Jetzt stieg der Adrenalinspiegel in noch nie gewesene Höhen. Es ging um mehr als eine Tasche mit benutztem Pyjama und Geschenke rechtzeitig zurückzubringen, sondern es war wie eine Prüfung, ob ich und mein Vater die Sache, die wir gemeinsam vermasselt hatten, wieder richtig biegen könnten. 16.49 war ich mit dem Auto auf der Abflugrampe und sah meinen Vater, aber er sah mich nicht. Und kein Platz in der Nähe um zu parkieren. Ich hielt das Auto an, nahm die Tasche und rannte zu meinem Vater. Er war sehr ruhig und schaute mich an, wie wenn es die grösste Selbstverständlichkeit wäre, dass ich rechtzeitig ankomme.

“Meinst du, kann ich die Tasche noch einchecken?” fragte er mich mit einem Lachen. Und dann sagte er noch – “Ich hatte sicher mindestens 5 weitere Minuten gewartet, wenn du zu spät gewesen wärest”.

Ich küsste ihn und er ist gegangen.

Ich bin nach Hause gefahren, mit einem Adrenalinspiegel, der drohte das Autodach zu durchbrechen. Nach 15 Minuten war ich zu Hause. Ich zog mich um und wählte den steilsten Berg in der Umgebung. Ich lief nicht. Das Adrenalin trug mich auf seinen Flügeln und ich hatte sicher alle meine Temporekorde im Laufen gebrochen. Nach einer Stunde Laufen hat sich der Adrenalinspiegel wieder beruhigt. Zu Hause angekommen fand ich eine SMS von meinem Vater – Ich sitze im Flugzeug. Danke für die Tasche. Ich wusste du wirst es schaffen.

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