Mein Frosch Drapatka

Auf dem Gymnasium hatte ich einen hartnäckigen Verehrer, der mir zum Geburtstag einen kleinen Frosch geschenkt hat. Der Frosch war durchsichtig und man musste ihn mit winzig kleinen rohen Fleischstückchen füttern. Er schnappte sich das Fleisch mit seinen Vorderbeinen, hob das Stücklein und biss es ab. Man konnte dann sehen wie das Fleisch durch seinen Verdauungstrakt wanderte. Je grösser und dicker er wurde umso weniger sah man. Er lebte ständig im Wasser und ich hielt ihn in einem kleinen Aquarium bei mir im Zimmer.

Meine Mutter ekelte sich vor meinem Frosch und als ich für 14 Tage Skifahren wollte, weigerte sie sich, sich um meinen Frosch zu kümmern. Da ich meinen Verehrer nicht ausstehen konnte, war es schwierig überhaupt jemanden während den Winterferien zu finden, der bereit wäre, sich um meinen Frosch zu kümmern. Schlussendlich konnte ich Eva aus meiner Klasse überzeugen, sich meines Frosches anzunehmen. Ich brachte ihr das Aquarium mit meinem dicken Frosch, gab ihr klare Anweisungen und fuhr ins Vergnügen.

Nach 14 Tagen kam ich meinen Frosch abholen und erkannte ihn nicht wieder. Er war klein und durchsichtig, fast kleiner als ich ihn damals bekommen habe und wirkte sehr apathisch. Ich schaute Eva verwundert an. Eva war bekannt als sanftes Wesen, das keiner Fliege was antun konnte.

“Eva, was hast du um Gottes Willen mit dem Frosch gemacht?“ fragte ich sie mit erhobenen Augenbrauen. “Nichts“, antwortet sie so leise, dass ich sie fast nicht hören konnte. “Hast du das arme Ding mindestens einmal gefüttert?“ fragte ich verwundert.
“Klar, ich versuchte es mehrmals täglich, aber in der zweiten Woche wollte er gar nichts fressen“ sagte Eva mit wesentlich festerer Stimme und Evas jüngere Schwester nickte mit dem Kopf, um Evas Worte zu bestätigen. Ich verstand es immer weniger. Ist wohl mein Frosch erkrankt? überlegte ich. “Komisch“, sagte ich und wollte nach Hause gehen als Evas Vater das Zimmer betrat. “Finde ich toll, dass du deinen Frosch wieder mitnimmst, endlich kann man wieder baden“, sagte er und ging weiter. “Was meint dein Vater?“ fragte ich Eva.

Eva erzählte mir, dass sie gefunden hatten, dass das Aquarium zu klein ist und darum hatten sie jeden Abend die Badewanne volllaufen lassen damit mein Frosch über mehrere Stunden schwimmen konnte. Darum konnte der Vater die letzten 14 Tage nie baden.

Jetzt war mir klar, was mit meinem Frosch los ist. Mein Frosch liebte abgestandenes Wasser und frisches Wasser gab’s einmal pro 14 Tage. Der tägliche Schock Frischwasser mit Chlor hat seinen Appetit und Lebenslust geraubt. Ich nahm meinen Frosch und marschierte nach Hause. Der Frosch erholte sich schnell, nahm zu und wurde wieder munter.

Fürsorglichkeit hat eben ihre Grenzen, speziell wenn es um Frösche und frisches Chlorwasser geht.

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