Michaela Merz

Schlaflos in San Jose

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Ich schlafe gut. Das ist ein Geschenk, dessen Wichtigkeit man sich erst bewusst wird, wenn man nicht mehr schlafen kann.

Als Kind hatte ich einen extrem tiefen Schlaf. Es gab nichts, was mich wecken konnte. Wir haben in einem Hochhaus im 9. Stock gewohnt. Eines Nachts als ich schon schlief, sind die Nachbarn vorbeigekommen und haben meine Eltern auf einen Drink eingeladen. Das war 5 Meter weit von meinem Bett entfernt hinter der Wand. Meine Eltern haben sich vergewissert, dass ich wie immer noch tief und fest schlafe und sind gegangen. Aber was nicht passieren sollte, passierte. Ich wachte auf und bin schnurrgerade in das Schlafzimmer meiner Eltern gegangen. Sie waren nicht da. Ich war erschrocken. Wo sind sie, fragte ich mich und hatte keine Antwort, weil ich so eine Situation mit meinen 6 Jahren noch nie erlebt hatte. Ich hatte Angst gehabt. Die Balkontür im Schlafzimmer meiner Eltern war offen, ich schloss sie und bin durch alle Zimmer durch. Von meinen Eltern keine Spur. Sogar der Schlüssel meines Vaters hing neben der Eingangstür. Ich steckte ihn in das Schloss und drehte den Schlüssel um. Das gab mir mehr Sicherheit. Jetzt wusste ich aber nicht wie weiter und kehrte in mein Bett zurück. Verängstigt und müde schlief ich wieder ein.

Was danach passierte, kenne ich nur von Erzählungen. Irgendwann kamen die Eltern nach Hause, wollten den Schlüssel ins Schloss stecken, aber es ging nicht. Alle Versuche schlugen fehl. Die Mutter bekam Panik. Dann kam dem Vater in den Sinn, dass sie die Balkontür offen gelassen hatten. Sie weckten die Nachbarn im 10. Stock und mein Vater machte sich ungesichert an der Fassade, entlang des Blitzableiters vom 10. in den 9. Stock. Eine filmreife Szene und das alles nach ein paar Gläsern Wein. Aber die Tür war geschlossen. Vater kletterte wieder zurück in den 10. Stock. Dann kam die Idee auf, das Schloss aufzubohren und so die Tür zu öffnen. Mitten der Nacht kurz vor 2 Uhr morgens haben sie begonnen zu bohren. Fast das ganze Haus ist vorbeigekommen. Alle wollten wissen, welcher Idiot mitten in der Nacht eine Bohrmaschine benutzt. Eine besorgte, aber gleichzeitig doch heitere Atmosphäre ist entstanden. Ich schlief, trotz Lärm, trotz Klopfen an meine Wand, trotz Rufen, ich schlief. Nachdem das Schloss durchgebohrt war und meine Mutter festgestellt hatte, dass ich wohlauf war, fand bei uns eine tolle Party statt mit vielen Nachbarn. Aber eben das alles weiss ich nur vom Hörensagen.

Jetzt ist es nämlich 3 Uhr am Morgen, ich bin in San Jose in den USA, habe einen fürchterlichen Jetlag und kann nicht schlafen. Am Tag bin ich wie ein Schlafwandler. Wenn ich mich irgendwo hinsetze, droht mir sofort Sekundenschlaf und meine intellektuellen Fähigkeiten haben aufgrund des Schlafmangels einen Tiefpunkt erreicht. Erst wenn man etwas nicht hat, ist einem klar wie kostbar es ist. Das Geschenk des guten Schlafes ist unersetzlich.

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