Michaela Merz

Mein erster Vortrag in London

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Am Anfang meiner Steuerkarriere war mein Englisch dürftig. Sehr dürftig. Damit will ich auch nicht sagen, dass es jetzt hervorragend ist. Aber damals war für mich schon eine Unterhaltung auf Englisch schwierig, ein Vortrag unvorstellbar.

Mein damaliger Chef wurde angefragt, ob er in London einen Vortrag über das schweizerische Mehrwertsteuersystem halten könnte. Das schmeichelte ihm sicher sehr und er sagte zu, obwohl sein Englisch noch schlechter war als meines. Der Auftrag den Vortrag vorzubereiten, landete auf meinem Schreibtisch. Das war nicht so schwierig, weil es für 45 Minuten nur etwa 20 Folien brauchte. Ich machte 30 Folien und gab sie meinem Chef. Ich hatte früh gelernt, dass es kein Sinn macht, Folien mit Text zu füllen. Visualisierung ist gefragt und Teil eines guten Vortrages. Meine Folien waren auch voller Bilder, ergänzt mit ein paar Worten, damit klar ist, wovon die Rede ist. Das war fast ein halbes Jahr vor dem Vortrag. Etwa einen Monat vorher kam mein Chef und sagte mir, dass er eine Terminkollision hätte und leider nicht nach London kann. Ich sollte gehen.

Ich war sprachlos. Ich hatte noch nie im Leben einen Vortrag auf Englisch gehalten und zu dem Zeitpunkt war ich auch nicht im Stande dazu. Ich traute mich aber nicht zu sagen “Nein, das kann ich nicht machen”.

Ich begann zu überlegen wie ich es machen würde, um nicht lächerlich zu wirken. Ich schrieb den ganzen Vortrag, die ganzen 45 Minuten, Wort für Wort auf Englisch. Es waren mehrere A4 Seiten. Dann bat ich eine Engländerin meinen Vortrag zu korrigieren, aber wo möglich meine Wortwahl zu belassen. Nur dort, wo es wirklich falsch oder zu holprig ist, sollte sie es ersetzen. Als sie mir die Seiten zurückgebrachte, waren sie fast nur rot. Vom ursprünglichen Text war kein einziger Satz fehlerfrei. Ein Horror.

Ich nahm eine Woche Ferien, fuhr nach Spanien und lernte am Strand entlang spazierend den korrigierten Text Wort für Wort auswendig. Wie ein Theaterstück. Am Ende der Woche konnte ich den Text in- und auswendig, war sattelfest, konnte die dort platzierten Witze mit Charme überbringen. Es war harte Arbeit, aber es hatte sich gelohnt. Ich hatte die Angst verloren und Selbstvertrauen gewonnen. Zu jedem Ziel lässt sich ein Weg finden, auch wenn er lang ist.

Ich fuhr nach London. Ich war nervös, da ich unter den Sprechern die einzige ohne englische Muttersprache war. Gemäss gedrucktem Programm sollte mein Vortrag am Donnerstag um 11 Uhr beginnen. Ich wusste, ich halte meinen Vortrag und dann kann ich den Rest der Konferenz geniessen. Die Konferenz dauerte 2 Tage. Mein Schock war gross als ich sah, dass ich nicht auf dem Programm des ersten Tages stand. Ich fragte den Tagungsleiter warum das so sei und er sagte mir, dass mein Chef die Terminänderung gewünscht hatte. Somit war sein Vortrag auf den zweiten Tag als allerletzter Vortrag verschoben worden. Warum um Gottes Willen hat mir das mein Chef nicht gesagt?

Ab dem Zeitpunkt hatte ich nicht viel von der Konferenz und meine Ruhe war weg. Vor lauter Nervosität konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren und die Worte vom Rednerpunkt zogen wie ein inhaltsloser Schwall über mich hinweg.

Am zweiten Tag steigerte sich meine Nervosität weiter. Ich sah all die eloquenten Engländer und kam mir verloren vor. Am liebsten wäre ich weggelaufen. Der Nachmittag rückte näher und es waren nur noch zwei Redner übrig. Und dann passierte es. Das erste Mal während dieser Konferenz überzog ein Redner seine Rednerzeit. Und das massiv um 15 Minuten. So was konnte mir sicher nicht passieren.

Ich kam zum Rednerpult und der Tagungsvorsitzende flüsterte mir leise zu: “Michaela, du bist die letzte. Es ist Freitagnachmittag. Die Leute wollen nach Hause, haben Flüge, Züge. Du musst deinen Vortrag kürzen und pünktlich enden. Du hast 25 Minuten.” sagte er und lächelte mich freundlich an.

O nein, dachte ich!! Das kann nicht wahr sein, ich habe 45 Minuten Text gelernt, nicht 25 Minuten.

Ich begann. Ich erzählte alle die Witze, die ich mir aufgeschrieben hatte und endete Punkt genau nach 25 Minuten. Wie ich es gemacht habe, weiss ich eigentlich nicht. Dass es aber gut angekommen ist, weiss ich. Die Organisatoren luden mich für das nachfolgende Jahr wieder ein, einen Vortrag zu halten. Mich, und nicht meinen damaligen Chef.

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