Michaela Merz

Umzug der schwarzen Madonna und Zwetschgenbaum

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Meine Freundin Tamara erzählte mir, dass ihre Mutter nur noch etwa ein halbes Jahr zu leben hat. Ihre Lunge arbeitet nur noch zu 20% und es droht ihr der Tod durch ersticken. Helfen kann man ihr nicht mehr. Tamara erzählte, was sie noch alles mit ihrer Mutter machen will, aber die Zeit ist knapp. Sie werden nicht mehr alles schaffen. Ihr letzter Satz schwirrt mir immer noch durch den Kopf: “Warum haben wir nicht vor 10 Jahren angefangen, all das zu machen, als sie noch voller Energie war?“

Ich dachte über meine Eltern nach. Was will ich mit ihnen alles unternehmen? Eigentlich nichts Spezielles. Ich will mit ihnen sein, mit ihnen sprechen und die Vertrautheit, das Kind zu sein, geniessen. Da ich Ideen meistens in die Tat umsetze, setzte ich mich am Samstagmorgen ins Auto und fuhr sie besuchen. Das klingt einfach, ist aber anstrengend, da sie 600 km entfernt wohnen. Samstag Schlag 12, ass ich mit ihnen zu Mittag, hinter mir eine Fahrt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 160 km pro Stunde.

Ich fragte sie, was wir machen wollen. Die Mutter wollte, dass wir am Samstagabend den Umzug der schwarzen Madonna anschauen. Meine Mutter ist überhaupt nicht religiös, aber sie singt gerne, liebt Geschichte und Architektur. Dann sind wir am Abend bei sternenklarem Himmel von der Kirche in die Loreta mit Lampions marschiert. Es wirkte beruhigend und magisch.

Was will der Vater? Er wollte, dass wir den Zwetschgenbaum abernten. Am Sonntagmorgen trugen wir die Leiter hinaus. Der Vater drückte mir einen Korb mit Henkel in die Hand und ich fing an. Ich habe noch nie im Leben einen Zwetschengenbaum geerntet (Kirschen, Apfel, Birnen ja, aber Zwetschgen noch nie). Es war einer der genüsslichsten Vormittage dieses Jahres. Die Zwetschgen waren fest und süss, die Sonne schien zwischen den Blättern hindurch und von der Spitze des Baumes aus sah ich das ganze Dorf. Ich füllte viele Körbe an und war sehr zuversichtlich, dass ich den ganzen Baum abernten kann.

Aber plötzlich sagte der Vater “Stopp und Schluss jetzt, sonst schafft es die Mutter gar nicht, das alles zu verarbeiten.“ Das stimmte, wir hatten einen riesigen Berg süsser Zwetschgen. Ich versuchte im Dorf paar zu verschenken. Alle haben mich gerne gesehen und wollten mit mir Kaffee trinken. Aber Zwetschgen wollte keiner, da alle auch einen Zwetschgenbaum im Garten hatten. Ich bekam aber Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Äpfel geschenkt.

Am Abend tranken wir Wein und sprachen über die Vergangenheit und Zukunft. Es war schon unglaublich schön. Eines der Wochenenden, das in Erinnerung bleibt. Die schönen Dinge sind nämlich klein und unspektakulär. Man muss sie machen und nicht warten bis es zu spät ist.

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