Wie mich Lotus gerettet hat

Ich bin auf Kos. In Zürich regnet es und ist kalt. Ein dem Sommer unwürdiges Wetter. Hier auf Kos ist es einfach nur herrlich. Sonne, Wind, Meer. Es geht mir so gut. Es geht mir prächtig. So sehen entspannte Sommerferien aus.

Ich fahre einen Katamaran. Dieser besteht aus zwei Kufen und zwei Segeln. Ich hänge mich auf dem Boot in mein Trapez und segle mit Wind und Wellen um die Wette. Es ist ein Geschwindigkeitsrausch. Der Wind bläst, das Salzwasser spritzt wie verrückt und ich bin voll konzentriert, alle Muskeln angespannt und trotzdem im Kopf völlig entspannt. In Reinen mit mir selber, mit dem Welt und dem Meer. Nach diesem Gefühl kann man süchtig werden.

Wir fahren zu zweit, weil es ist sehr, sehr windig ist und allein den Katamaran zu steuern wäre jetzt einfach nicht mehr möglich. Vorne haben wir noch ein eingerolltes Segel, ein Gennaker. Wir fahren hin und her in dem abgesteckten Revier.

Plötzlich löst sich das vordere eingerollte Gennakersegel teilweise. Das gibt unglaublich viel Antrieb. Der Wind bläst gnadenlos und treibt uns weiter auf das offene Meer. Wir machen einen verzweifelten Versuch, die Richtung zu ändern und zu wenden, aber mit dem losgelösten Segel geht es nicht. Ok dann anders, wir stellen das vordere Segeln quer und lösen das hintere. Wir versuchen mehrmals das falsche vordere Segel einzuziehen. Ohne jeglichen Erfolg!! Der Wind treibt uns weiter auf das offene Meer. Ich denke mir, die auf dem Turm müssten uns sehen, unsere Schwierigkeiten bemerken und mit dem Motorboot kommen. Das ist der Vorteil, wenn man in einem überwachten Revier segelt.

Der Katamaran ist nicht mehr steuerbar. Die einzige Lösung ist zu kentern oder noch besser durchzukentern.

Und dann geht alles ganz schnell. Ich falle von Bord ins Meer und kann mich gerade noch an einem Seil halten. Aber ich habe keine Kraft mehr, mich auf das Boot hochzuziehen. Und die nächste Welle spült mich weg. Ich kann mich nicht mehr an dem Seil halten. Obwohl der Katamaran umgekippt ist, fängt sich der Wind in dem zwischen den Kufen gespannten Netz. Das gibt ihm eine unglaubliche Geschwindigkeit. Ich habe keine Chance ihn schwimmend zu erreichen. Mein Partner auf dem Katamaran kann mich nicht holen, weil sich der Katamaran nicht mehr steuern lässt und allein hat er keine Chance ihn wieder zu drehen.

Er springt ins Wasser und schwimmt zu mir.

Wir überlegen kurz, ob wir versuchen sollten Richtung Katamaran zu schwimmen, aber der ist viel zu weit weg und bewegt sich ziemlich schnell von uns weg.

Wir müssen gerettet zu werden. Das Land ist etwa 4 km entfernt und mit diesen Wellen und der Strömung werden wir es nur schwer an das Ufer schaffen. Ich bin eine sehr gute Schwimmerin. Heute Vormittag war ich eine Stunde schwimmen. Aber schwimmen in einem 25 m langem Schwimmbecken und schwimmen auf dem offenen Meer mit bis zu 2m hohen Wellen sind zwei Paar Schuhe. Wir schwimmen Richtung Ufer, aber wir kommen nicht weg vom Fleck. Warum kommt niemand, frage ich mich. Und dann kommt mir der Verdacht, dass sie vielleicht gar nicht gesehen haben, was passierte. Vielleicht vermissen sie uns gar nicht. Vielleicht vermissen sie uns erst um 5 Uhr am Nachmittag, wenn sie das Material aufräumen und merken, dass ihnen ein Boot fehlt.

Der Katamaran ist inzwischen nicht mehr zu sehen.

Wir müssen uns selber retten, aber mit diesen Wellen, die uns regelmässig unter sich begraben, scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Vielleicht müssen wir bis Abend warten bis sich der Wind wie immer beruhigt und dann an das Ufer schwimmen. Aber werden wir dann noch die Kraft dazu haben?

Hauptsache zusammen bleiben. Wir halten uns mit einer Hand, er schwimmt auf dem Rücken, ich muss das Land sehen um die Orientierung nicht zu verlieren und schwimme Brust. Gott sei Dank ist das Land bergig und ich kann es zumindest sehen. Warum kommt keiner?!!

Wir schwimmen weiter und plötzlich sehen wir eine riesige Yacht. Sie ist weiter weg, aber wir rufen und winken. Immer und immer wieder!! Aber die Yacht sieht uns nicht. So nah und doch so weit weg. Plötzlich sehe ich, dass die Yacht ihren Kurs zu ändert. Sie musste weiter weg den umgekippten Katamaran gesehen haben. Sie fährt in die Richtung, wo er abgedriftet ist. Dann dreht sie und fährt in unsere Richtung. Wir rufen, wir schreien, wir winken und sie kommt näher. Wir wissen immer noch nicht, ob sie uns sieht, aber die Richtung stimmt. Sie hupt. Sie hat uns gesehen. Oh mein Gott, was für ein Glück. Wir treiben im Meer, aber haben wieder Hoffnung.

Und sie kommt. Sie ist so nah, dass ich ihren Name lesen kann. Lotus. Mein Retter, unsere Retter heisst Lotus. Sie werfen uns einen am Seil befestigten Rettungsring zu und ziehen uns mit dem Ring zum Boot. Sie lassen eine Leiter ins Wasser und zwei Männer ziehen mich hoch. Ich hätte kaum Kraft gehabt mich hochzuziehen. Ich bin gerettet. Wir sind gerettet. Nach fast 2 Stunden treiben und schwimmen auf windigem Meer ist es ein tolles Gefühl.

Sie duschen uns mit warmem Wasser, geben uns zu trinken, wickeln uns in Tücher. Ich will wissen, wer uns gesehen hat. Erst der Kapitän von der Brücke und dann Inga.

Selten war ich so dankbar wie jetzt. Danke. Danke Inga. Danke Kapitän.

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