Michaela Merz

Cameron

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Ich liebe Theater, Konzerte und Opern. Es ist jedes Mal ein sinnliches Erlebnis, etwas ganz Besonderes. Man wird in eine andere Welt entführt. In die Welt der Fantasie, des Zaubers, der Unendlichkeit. Der Alltag mit seinen grossen und kleinen Sorgen bleibt draussen.

Als Studentin habe ich in den Wintermonaten die Hälfte meines Budgets für Theater und Konzerte ausgegeben. Ich kaufte mir die billigsten Plätze, ganz oben weit weg von der Bühne, Säulen verstellten mir den Blick, ich hatte oft nur beschränkte Sicht. Billige Plätze haben halt ihre Tücken. Das alles hat mich nicht gestört. Wichtig war dabei zu sein und es zu erleben. Die wirklich guten Vorstellungen habe ich mehrmals gesehen. Dann spielt es keine Rolle, dass man ab und zu nur einen Teil der Bühne sah.

In den Wintermonaten gehe ich noch immer ein Mal pro Woche. Die Erlebnisse – und das ist verblüffend – nehmen an Intensität noch zu und umhüllen mich wie Watte, die mich wie eine Sonne durch die nebligen Wintermonate trägt.

Eines der wirklich fantastischen Erlebnisse war das erste Konzert von Cameron Carpenter in Zürich. Cameron ist ein begnadeter Orgelspieler. Er ist jung und unheimlich talentiert. Wenn man ihn sieht tippt man auf ein Popsänger, als ein klassischer Musiker: Glitzernde Jacken, mehrmaliges Umziehen während des Konzertes, farbige Schuhe.

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Wenn ich in der Tonhalle sitze und der Musik zuhöre, muss ich die Bühne nicht sehen. Bei Cameron ist es anders: Der Junge sitzt in der Mitte der Bühne mit dem Rücken zum Publikum, und erlaubt es seinen Zuschauern seinen akrobatischen Künsten an den Orgel zuzuschauen. Und das, was er darbietet ist eine Bein- und Handakrobatik, die ich so noch nie gesehen habe.

Ich freute mich riesig. Ich setzte mich auf meinen Platz. Die Reihe vor mir ist noch fast leer, bis ein Paar kommt: Beide sind klein und eher schmal. Aber die Friseur, die die Frau auf ihrem Kopf kreiert hat, ist unglaublich: Sie hat ihre Haare in alle Richtungen toupiert und dadurch ein Dickicht aus Haaren geschaffen, das von vorne (ich habe es allerdings den ganzen Abend nicht gesehen) ganz sicher toll aussah. Allen, die hinter ihr sassen, versperrte es jedoch jegliche Sicht auf die Bühne. Ich rutschte mehr nach links, dann mehr nach rechts, versuchte sogar mich höher zu setzen. Aber es nützte nichts. Ich sah tatsächlich NICHTS.

 

Was macht man in so einer Situation? Mir schossen sehr viele Ideen durch den Kopf… Schlussendlich blieb ich jedoch die erste Hälfte des Stückes einfach hinter der Frau sitzen und saugte nur die Musik in mir auf. Nach der Pause erbarmte sich dann meine Kollegin, die mit mir da war, mit mir den Platz zu wechseln, damit ich das Zauberspiel von Cameron sehen konnte. Die Vorstellung war restlos ausverkauft und es war kein einziger Platz mehr frei, eine andere Lösung gab es nicht.

Ich habe keine Ahnung, was man rechtlich gegen solche Damen machen kann. Ich weiss noch nicht einmal, ob ich in einem Konzertsaal überhaupt ein Anrecht auf einen freien Blick auf die Bühne habe. Das Konzert war schön, wunderschön. Aber das Fazit ist für mich klar:

Leute, denkt nicht nur auf Euch! Mehr Toleranz! Und bitte mehr Zurückhaltung bei der Frisuren-Kreation, wenn man ins Theater oder Konzert geht!

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