Sicherheitsgefühl in der Schweiz

Als Studentin habe ich in Norwegen gearbeitet. Ein wunderschönes Land. Eines Tages war ich mit meinen norwegischen Kollegen unterwegs, als einer plötzlich sagte: „Sieh mal, unser König,“ und mit dem Kopf in Richtung eines älteren Herrn nickte, der ganz allein auf der anderen Straßenseite ging. Zum einen sah dieser Mann überhaupt nicht aus wie ein König – vielleicht hatte ich damals eine ziemlich naive Vorstellung von Königen. Und zum anderen war er völlig allein unterwegs. Ob so etwas heute in Oslo noch möglich wäre, weiß ich nicht. In der Schweiz kann es durchaus vorkommen, dass man einem Bundesrat oder, noch häufiger, einem ehemaligen Bundesrat einfach so auf der Straße begegnet.

Zum Beispiel wohnt ein ehemaliger Bundesrat bei uns im Haus. Ein sehr netter Herr. Wir treffen uns oft am Briefkasten, im Aufzug oder im Treppenhaus. Es ist ein gutes Gefühl, sich sicher zu fühlen. In der Schweiz fühle ich mich sicher – warum auch nicht? Viele Kinder gehen hier schon früh ganz allein in den Kindergarten. Mir fällt auch keine einzige Gegend in der Schweiz ein, in der ich jemals Angst gehabt hätte. Es ist vielleicht ratsam, den Bahnhof Oerlikon am Wochenende zwischen 1 und 4 Uhr morgens zu meiden, um Konflikten mit Betrunkenen oder anderweitig beeinträchtigten Personen aus dem Weg zu gehen. Aber die Wahrheit ist, dass ich, selbst wenn ich um diese Zeit am Bahnhof Oerlikon sein müsste, großen Respekt, aber keine Angst hätte. Dieses Sicherheitsgefühl, das so selbstverständlich erscheint, ist ein Geschenk von großem Wert.

Als junge Studentin lebte ich noch in einem Land, in einem heruntergekommenen Viertel, wo neben vielen tollen Menschen auch einige merkwürdige Gestalten unterwegs waren. Wenn ich im Dunkeln nach Hause musste, fühlte ich mich oft unwohl. Also beschloss ich, mich zu bewaffnen. Eine Waffe bringt jedoch nichts, wenn man nicht bereit ist, sie im Notfall auch einzusetzen. Allein der Wille reicht nicht – man muss in der Lage sein, sich tatsächlich zu verteidigen. Die einzige Waffe, die ich wirklich beherrsche, ist der Degen. Also begann ich, einen silbernen Degen wie ein Musketier mit mir zu tragen. Mein Degen war nicht scharf, und die Spitze war abgerundet. Jemanden damit zu verletzen wäre wohl nur möglich gewesen, wenn die Klinge gebrochen wäre. Dennoch gab mir mein Degen ein Gefühl von Sicherheit, und ich bewegte mich ohne Angst auch nachts in diesem Viertel. Nur einmal kam es beinahe zu einem Unfall.

Es war etwa 20 Uhr an einem Winterabend, stockdunkel, und das Licht im Hausflur funktionierte wieder einmal nicht richtig. Ich konnte kaum etwas erkennen, als plötzlich ein Schatten auftauchte. Jemand hatte sich im Dunkeln an meiner Wohnungstür versteckt. Ein Schreck durchfuhr mich, und mein Adrenalinspiegel schoss in die Höhe. Alle möglichen Optionen gingen mir in einem Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf: Ich hätte laut schreien können, doch in diesem Haus hätte das wohl kaum jemanden interessiert, denn ständig stritt hier jemand oder schrie im Rausch herum. Ich hätte weglaufen können – doch wohin und mit welchem Ergebnis? Also entschied ich mich für meinen Degen und bereitete mich sofort darauf vor, mich zu verteidigen.

Da sagte der Schatten plötzlich „Baff“ – und ich erkannte die Stimme meines idiotischen Kollegen David. Er wollte mich erschrecken, und es fehlte nicht viel, und ich hätte ihn womöglich ernsthaft verletzt. Ein dämlicher Witz! Solche unpassenden Scherze machte er ständig. Dabei hatte er Kummer und wollte mit mir sprechen. Warum jemand, der Kummer hat, solche Witze macht, verstehe ich bis heute nicht.

Ich weiß, was es bedeutet, allein unterwegs Angst zu haben, und ich schätze es, heute keine Angst haben zu müssen, wenn ich allein unterwegs bin. Danke, Schweiz.

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