Badge

Ohne Badge ist man hier praktisch unsichtbar, ohne Identität und ohne Befugnisse. Der Zugang zu den Gebäuden erfolgt ausschließlich über eine Plastikkarte, in meinem Fall mit Foto und Name. Nicht einmal eine Kontaktadresse ist auf dem Badge vermerkt, für den Fall, dass er verloren geht. Und mein Foto darauf könnte genauso gut ein Relikt aus einer längst vergangenen Ära sein – so lange ist es her, seit es aufgenommen wurde. Ein junges, strahlendes “ICH” grinst mich jedes Mal an, wenn ich meinen Badge abends in sein Fach lege.

Gestern Abend kam ich nach Hause und wollte meinen Badge wie üblich verstauen, aber er war nicht da. Sofort war mir klar, dass ich ihn irgendwo verloren haben musste. Es gab nur einen Moment, in dem ich gestern meine Hose mit dem Badge ausgezogen hatte: als ich im See schwimmen war. Es war ein langgehegter Traum von mir, der sich endlich erfüllt hatte. Ursprünglich hatte ich geplant, das Sommerschwimmen im See endlos zu geniessen, ungeachtet von Schnee, Eis und Wassertemperaturen um die 5 Grad Celsius. Doch wie so oft zuvor, scheiterte ich. Bis zu den Herbstferien im Oktober ging ich fast jeden Tag schwimmen, egal wie grauenhaft das Wetter war. Im Oktober war das Schwimmen bereits einsam. Es wurde zu einem festen Bestandteil meines Tagesablaufs, wie das Zähneputzen. Die Überwindung lag nur im Moment des Eintauchens ins kalte Wasser. Danach war das Schwimmen herrlich, und beim Herauskommen warteten Wärme und Zufriedenheit auf mich. Dann verbrachte ich drei Wochen im Urlaub und wurde kurz nach meiner Rückkehr krank. An Schwimmen war nicht zu denken. Der November war rau, und ich fand nicht den Mut, wieder anzufangen. Wie so oft zuvor, scheiterte ich!

Jetzt ist Februar, das Wasser im Zürichsee ist eiskalt, und dennoch muss ich hinein. Ich kaufte mir sogar einen Bademantel. Das Wetter spielte nicht mit, es war neblig und regnerisch. Aber wir hatten uns verabredet, und ich hatte nicht vor, einen Rückzieher zu machen. Also zog ich am Nachmittag am See meine Hose aus, schlüpfte in mein blaues Badekleid und stieg mit meiner Rettungsschwimmhilfe ins Wasser. Das Schwimmen war kurz, das eisige Wasser kaum zu ertragen. An eine längere Strecke wie im Herbst war nicht zu denken. Doch nach dem Herauskommen fühlte ich mich warm und gut. Draussen war es wärmer als im Wasser. Ich blieb eine Weile am Ufer und ließ den Regen auf mich niederprasseln. Dann begab ich mich in die Wärme, zog mein nasses Badekleid aus und hüllte mich in meinen warmen Bademantel. Doch nach etwa zehn Minuten überkam mich ein heftiges Zittern. Es fühlte sich an, als hätte ich zu viel Eis auf einmal verschluckt. Äusserlich war mir warm, aber meine Stimme zitterte so stark, dass ich kaum sprechen konnte. Ich musste unter die warme Dusche, um mich zu beruhigen, da mich ein Schüttelfrost am ganzen Körper packte. Ich hatte zwar meinen Traum erfüllt, aber eine Wiederholung schien mir unnötig.

Beim Ausziehen der Hose nach meinem Schwimmabenteuer wurde mir klar, dass ich meinen Badge verloren haben musste. Ich plante, heute einen Ersatz zu beantragen und später am Tag nach meinem begehrten Stück Plastik am Zürichsee zu suchen. Doch am Morgen erhielt ich eine E-Mail von jemandem, den ich nicht kannte. Er teilte mir mit, dass er meinen Badge gestern am Bahnhof gefunden und ihn in einer Filiale von Ritual an der Bahnhofstrasse abgegeben hatte. Ich war überrascht, dass sich jemand die Mühe gemacht hatte – und das sehr geschätzt hatte –, mich zu googeln, um herauszufinden, wer ich bin und was ich tue. Warum er den Badge in eine Filiale brachte, konnte ich nicht sagen, aber ich war einfach dankbar. Ich konnte meinen Badge in der Filiale abholen und lud den ehrlichen und fürsorglichen Finder zu einem Mittagessen ein, um mich zu bedanken. Fortsetzung folgt. Es ist erstaunlich, was das kalte Baden im See bewirken kann.

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