Leben in Zeiten des Coronavirus VII

Lara war sehr vorsichtig. Sie wohnte in gleichem Haus wie ihre Schwiegereltern. Beide waren über 80 Jahre alt und gehörten der Risikokategorie an. Es war ein Zwei-Familienhaus mit Garten. Die Schwiegereltern wohnten im Parterre und sie selber mit ihrem Mann im 1. Stock.

Im Garten begegneten sie sich fast täglich und ab und zu assen sie bei den Schwiegereltern, wobei sich Lara mit der Schwiegermutter mit dem Kochen abwechselte. Hans, der Man von Lara, hatte Diabetes und somit musste Lara alle drei vor dem Coronavirus schützen. Lara, die bei einer Versicherung im Kundendienst arbeitete, beantragte bei ihrem Chef schon Ende Februar von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Es wurde ihr ohne weiteres bewilligt. Somit sass Lara beinahe 2 Monate zu Hause in ihrem kleinen Büro und telefonierte von morgens bis abends mit den Kunden, so wie sie es jeden Tag tat. Obwohl sie das gleiche tat, war es eigentlich anspruchsvoller als sonst. Lara war jeden Abend sehr müde und von Freitag auf Samstag schaffte sie es 11 Stunden zu schlafen um sich von der Anstrengung zu erholen.

Am Mittwoch blieb der Bildschirm ihres PC schwarz und sie hatte es nicht geschafft, ihn wieder zum Laufen zu bringen. Telefonieren konnte sie weiterhin, aber ohne Zugriff auf die internen Daten, konnte sie keine Auskunft geben. Lara musste ins Büro um ihren PC auswechseln zu lassen. Es war sehr unerfreulich und Lara fürchtete sich davon. Aber sie wusste, dass kein Weg daran vorbei geht. Sie vereinbarte mit dem IT Verantwortlichen einen Termin um 10 Uhr am Morgen und machte sich auf den Weg. Das Gebäude war komplett leer. Der Haupteingang war geöffnet und die Rezeption war durch eine einzige Person besetzt. Sonst aber endlose leere. Keine Besucher, keine Mitarbeiter. Gar niemand. Lara desinfizierte sich die Hände mit dem aufgestellten Mittel. Sie grüsste den Mann an der Rezeption und wollte mit dem Lift in den 4. Stock fahren aber der Rezeptionist rief ihr zu, dass die Aufzüge nicht in Betrieb sind und dass sie zu Fuss gehen muss. Lara war sich solche Anstrengung nicht gewohnt und schon auf dem 3 Stock hatte sie Schwierigkeiten genügend Luft zu bekommen. In der IT Abteilung hat es mehrere Leute gegeben aber alle sassen in verschiedenen Ecken. Lara legte ihren PC auf ein Pult und Peter, der IT Verantwortliche, mit dem sie heute telefonierte, nickte und sagte, dass es gegen 4 Uhr fertig sein wird.

Das war sehr unangenehm. Was sollte Lara jetzt tun? Sie entschied sich in ihr Büro zu gehen, wo es auch noch fest installierte Computer gab und dort bis am Nachmittag zu arbeiten. Sie war sich sicher, dass sie ganz allein sein wird. So war es auch, sie begegnete niemandem und sass ganz allein in dem grossen Büro. Sie richtete sich ein und begann zu telefonieren wie jeden Tag. Nach einer Stunde stellte sie fest, dass sie zur Toilette muss. Die war grad am Ende des Flurs um die Ecke. Aber als sie bei der Toilette ankam und die Klinge runterdrücken wollte, stellte sie fest, dass sich die Tür nicht öffnen lässt. An der Tür hing ein Zettel auf dem stand, dass die Toilette zu ist und dass es nur eine geöffnete im Parterre beim Eingang zu finden ist. Lara wollte es nicht glauben und versuchte die nächste auf ihrem Stock. Aber tatsächlich auch diese Toilette war zu. Schweren Herzes machte sie sich auf den Weg ins Erdgeschoss. Aus irgendeinem Grund war jetzt niemand an der Rezeption und sie konnte die Toilette nicht finden. Es war auch keiner da, den sie fragen konnte. Langsam wurde es wirklich brenzlich. Lara begann nochmal systematisch das Erdgeschoss zu durchsuchen um die geöffnete Toilette zu finden. Kein Erfolg. Es kam ihr in den Sinn, dass nicht weit weg von ihrem Gebäude ein Coop ist, und sie entschied sich dort zur Toilette zu gehen. In dem Moment als sie das Gebäude verlassen wollte, sah sie der Rezeptionist auf sie zukommen. Sie fragte ihn nach der Toilette und er erklärte ihr, dass die Toiletten hinter der Garderobe sind. Lara war erleichtert. Gleichzeitig musste sie jetzt die ganze Treppe bis zu ihrem Büro hochsteigen. Als sie an ihrem Arbeitsplatz ankam, war sie ziemlich geschafft. Sie getraute sich nicht zu trinken und auf die Mittagpause hat sie verzichten. Der knurrende Magen bestraffte sie dafür, aber die Vorstellung, dass sie die Treppen wieder runter und hoch laufen muss war zu schrecklich. Irgendwann um 2 Uhr nachmittags musste sie trotzdem noch mal ins Parterre zu der Toilette auch wenn sie es versuchte solange zu halten bis es nicht mehr gegangen ist. Um punkt 4 Uhr holte sie ihren PC bei Peter in der IT Abteilung ab. Nach Hause kam sie völlig erschöpft und als erstes ging sie duschen um sicher zu sein, dass sie kein Virus reinschleppt. Sie desinfizierte den PC und endlich konnte sie was trinken und essen. Am Freitagmorgen setzte sie sich dankbar in ihrem kleinen Büro zu Hause an den Schreibtisch. Homeoffice mag anstrengend sein, aber das Leben da draussen ist jedoch noch anstrengender.

Image source: http://unsplash.com

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