Michaela Merz

Ich arbeite

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Die Anzahl meiner Arbeitgeber erhöht sich laufend. Das bedeutet, dass die Anzahl der Stunden, die ich pro Tag arbeite, laufend zunimmt. Leider spiegelt sich mein erhöhter zeitlicher Aufwand nicht in einem erhöhten steuerbaren Einkommen. Es ist halt so und besser wird es kaum. Ich gehe eher davon aus, dass es so weiter geht und dass meine Freizeit, wo ich wirklich das machen kann, wonach mir grad ist, zu einer Ausnahmeerscheinung wird.

Angefangen hat es vor einigen Jahren irgendwie harmlos aber die Geschwindigkeit und das Volumen mit welchem es zunimmt, ist einfach verblüffend. Ich arbeite für die Flug-Airlines, mit denen ich unterwegs bin. Ich checke mich selber ein und drucke mir die Etiketten selber aus. Mein Flugticket kostet gleich viel, wie wenn ich mich am Schalter einchecken lasse und von der Person dort die Etiketten ausgehändigt bekomme.

Ich arbeite auch für die Detailhändler. Ich scanne alle meine Produkte selber am Self-Checkout-Schalter ein und bezahle brav. Auch da kostet mein Einkauf gleich viel, wie wenn ich zu einer Person an der Kasse gehe, diese meine Produkte einscannt und ich bei ihr bezahle. Nicht mal mehr Punkte gibt es für mein Kundenkonto, obwohl ich dem Händler einige Kosten erspare.

Ich mache online viele meiner Termine selber. Sei es für den Reifenwechsel, die Pedicure, das Lehrergespräch oder die Tischreservation im Restaurant. Keine schöne Stimme, die sich bedankt. Nur ein Häkchen im Anmeldeformular und eine Buchungsbestätigung. Auch da kosten die Leistungen gleich viel, wie wenn ich die Termine telefonisch vereinbaren würde.

Die Tickets für die Bahn kaufe ich schon lange über die App. Auch wenn sie gleich viel kosten, wie die am Bahnschalter. Die Automaten hatte ich nie gern gehabt, weil ihre Bedienung eine Art von Intelligenz voraussetzte, die bei mir leider nicht vollständig vorhanden ist.

Die Bank sendet mir keine Auszüge mehr per Post, sie stellen sie nur noch elektronisch zur Verfügung. Die Steuerverwaltung jedoch, verlangt die Bankauszüge noch immer in Papierform. Das bedeutet, ich muss sie ausdrucken, einpacken und versenden. Wenn es schon kein Bankgeheimnis gibt (ja, ich weiss im Inland haben wir es noch), warum hat die Steuerverwaltung dann nicht selber Zugriff auf diese Auszüge.

Übrigens für die Steuerverwaltung und die sozialen Werke arbeite ich als unbezahlte Angestellte sehr viel. Ich beantrage die Fristerstreckung, da ich weiss, dass ich es bis Ende März einfach nicht schaffen werde, die Deklaration einzureichen. Ich erstelle meine Steuererklärung, die Quellensteuerabrechnung für meine wunderbare Putzfrau und ich kontrolliere die Einschätzungen, die provisorische und definitive Rechnungen für die Kantonale wie auch die Bundessteuer und Verrechnungssteuer. Ich beantworte gerne alle Anfragen aller Ämter und reiche alle gewünschten Unterlagen in Papierform ein. Ich mache ebenfalls die AHV, Unfall- und Taggeldversicherung, Mutationen und Zahlungen für meine Putzfrau. Ich messe den Wasserverbrauch und melde es rechtzeitig der Gemeinde. Ich melde dem Einwohneramt alle Mutationen bei uns im Hause. Ebenfalls beantworte ich alle Fragebögen, die ich vom Bund erhalte. Die können bis zu fünf Seiten lang sein. Ich mache es nicht, weil es mir Spass macht, sondern weil mir eine Strafe angedroht wird, sofern ich es nicht tue. Ich beantrage mein Pass und ID (weil die alten abgelaufen sind) und gebe gerne alle meine Angaben noch mal ein, obwohl eigentlich alle schon in den alten Dokumenten vorhanden sind. Den Pass muss ich trotzdem bezahlen.

Und das ist längst nicht alles. Jetzt kann ich anfangen über alle ausländischen Anbieter zu sprechen. Über Google, Spotify, Netflix, Uber, Amazon, denen ich alle meine Daten gebe. Die Frage ist, ob es dem Wert entspricht, den ich dafür kriege oder es eigentlich übersteigt.

Was bedeutet es, wenn ich für so viele unterschiedliche Arbeitgeber “unentgeltlich” Werte schaffe? Wer hat eigentlich Recht auf alle diese Werte und wo sollen diese Werte besteuert werden? Ich als indirekte Steuerexpertin frage mich, ob meine Arbeitgeber, die mir keine Ferien und keine sozialen Leistungen gewähren, nicht eigentlich die MWST auf Bezug dieser Leistungen zahlen müssten.  Unter dem geltenden Steuersystem ist es nicht vorgesehen. Oder handelt es sich um Bartransaktionen, die eigentlich unter dem heutigen Steuersystem dazu geführt hatten, dass der Wert der Leistungen, die ich beziehe steigen wird und ich selber für meine Arbeit noch finanziell bestraft werde. Die Werte, die ich und wir alle zusammen Erschaffen sollten nicht nur zum Bruttosozialprodukt zählen, sondern auch zum Steueraufkommen beitragen. Ich freue mich auf die revolutionären Ansätze in diesem Bereich in der Zukunft. An der schrumpfenden Anzahl meiner Freizeitstunden wird es leider nicht viel ändern.

Image source: Unsplash.com

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