Michaela Merz

Das Weihnachtsessen

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Ich war noch ein Kind als Marie mir diese Geschichten erzählte. Marie ist längst tot (seit mehr als 35 Jahren) und ich kann sie nicht mehr fragen, aber die Geschichten sind mir tief in Erinnerung geblieben.

Marie ist in der Hauptstadt in die Schneiderlehre gegangen. Der Salon bei dem sie arbeitete, war sehr vornehm und der Unterschied zwischen dem einfachen Leben bei Ihnen auf dem Dorf und der Grossstadt war gewaltig. Marie hat geputzt, Kinder gehütet aber auch gelehrt Masse zu nehmen, Stoffe zu scheiden, Kleider zu nähen und sie kunstvoll zu Bügeln. Das Bügeleisen war aus Eisen und mehrere solche Bügeleisen sind immer auf dem Ofen gestanden. Man musste immer sehr aufpassen um den eleganten Stoff mit dem heissen Eisen nicht zu verbrennen. Marie liebte das schneiden und das Lernen hat ihr sehr viel Spass gemacht. Gleichzeitig fühlte sie sich jedoch einsam, obwohl sie kaum je allein war. Es fehlten ihr die Geschwister, die Eltern, ihr Haus, die bekannten Gerüche und Geräusche, die es hier in der Stadt nicht gibt. Ab und zu hatte sie starkes Heimweh und sehnte sich nach Hause zu fahren. Das war aber weit weg (fast eine Tagesreise) und teuer. Sie wusste, dass sie sich bis Weihnachten gedulden musste. Umso mehr freute sie sich, wenn es endlich die zweite Hälfte des Dezembers wurde und sie am 24. für eine Woche nach Hause fahren konnte. Sie hatte für jedes ihrer Geschwister ein kleines Geschenk mit der Erlaubnis ihrer Chefin aus den Resten genäht. Marie konnte es kaum erwarten sie ihnen zu geben und ihre Freude zu erleben. Ihr Herz war mit Freude und schönen Erwartungen bis zum Rande gefüllt.

Es war kalt und es lag viel Schnee auf den Strassen, die Reise war ziemlich beschwerlich. Der Zug war verspätet aber das machte Marie nichts aus. Als sie ihr Dorf sah, wurde sie rot im Gesicht. Ihr Blutdruck stieg. Sie sah sich schon an dem Küchentisch sitzen und mit den anderen vor dem Essen zu beten. Es war schon Dunkel als sie weg von der Zugstation eilte. Sie wusste, dass jetzt am Abend sie niemand mehr erwarten würde und sie schleppte ihre Koffer durch den Schnee zum Haus.

Als sie die Tür des Hauses öffnete, sassen bei dem Küchentisch die Eltern. Die Geschwister sassen auf dem Boden beim Kachelofen und spielten. Die kleinen Kinder sprangen auf und rannten auf Marie zu. Sie umarmte sie eine nach dem anderen. Marie grüsste die Eltern. Die Mutter sagte ihr kurz, dass sie Essen für sie im Ofen aufbewahrt hatte. Sie ergänzte, dass die Kinder hungrig waren und die Familie schon gegessen hatte. Jedes Wort war wie ein Stich in Maries Herz. Es war der 24. Dezember und Marie war damals 17 Jahre alt. Es machte sie so traurig, dass die Familie nicht auf sie gewartet hatte. Sie sagte aber nichts.

Diese Geschichte erzählte sie mir als sie vielleicht 60 Jahre alt war. Mehr als 40 Jahre nach dem es geschehen war und mir geht die Geschichte fast 80 Jahre später nicht aus dem Kopf. Es ist nämlich einfach jemanden zu verletzen. Ich wünschte mir, die Mutter von Marie hätte an dem Weihnachtsabend, den kleinen Kindern ein bisschen Brot voraus gegeben und mit dem gemeinsame Essen auf Marie gewartet.

Image source: unsplash.com

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