Michaela Merz

Tanzkönigin

Leave a comment

278896_web_R_K_B_by_RainerSturm_pixelio.deIn der Habsburger Monarchie war das Gesellschaftsleben wichtig und streng geregelt. In den guten Kreisen gehörte Gesellschaftstanz dazu und musste erlernt werden.

1918 zerfiel die Monarchie in die einzelnen Staaten. Der Gesellschaftstanz als Bestandteil der Ausbildung bei der Mittelschicht hat jedoch die Monarchie überlebt. Und so ist in meiner Jugend wie alle damals in Prag, die ganze Klasse in Tanzunterricht gegangen. Neben dem Gesellschaftstanz standen auch Benehmen und gute Manieren auf dem Lehrplan. Ich fand das ganze grauenhaft. Man muss sich das vorstellen – ein riesiger Saal, auf dem Podium stehen eine kleine Kapelle und ein Tanzmeister mit Partnerin. In dem Saal stehen sich zwei Reihen gegenüber – auf der einen Seite die Damen, auf der anderen Seite die Herren, wie auf einem Schlachtfeld. Dann sagt der Tanzmeister “Herrenwahl” und die elendslange Masse der Herren in schwarz beginnt sich in Richtung der Damen zu bewegen. “Darf ich bitten?” kommt aus ihrem Mund und die Damen haben nicht richtig die Wahl, sondern es wird erwartet, dass sie einfach ja sagen. Darauf zu warten ausgewählt zu werden, fühlte sich nicht gut an, obwohl der Tanzmeister immer dafür sorgte, dass es gleiche Anzahl von beiden Geschlechter gab. Was für eine Schande sollte man da allein und als einzig nicht gewollt bleiben oder zu lange warten. In der Pubertät trägt es nicht zur Stärkung des Selbstbewusstseins bei. Und ich war noch nie Everybody’s Darling.

Das war nicht der einzige Grund, warum ich die Stunde nicht gern hatte. Ich verwechselte immer rechts und links. Der Tanzmeister sagte die Damen beginnen mit dem linken Bein -” jetzt” – und ich schob das falsche rechte Bein raus. Das war ebenfalls demütigend. Dazu kam, dass jemand anders mir auf diesen falschen Fuss trampelte. Mit der Zeit fand ich für dieses Problem eine praktische Lösung und band mir einen dünnen roten Faden um das rechte Bein. Wenn ich halt doof bin, müssen praktische Lösungen her.

Mit der Zeit gefiel mir das Tanzen mehr und mehr. Es machte Spass und wie mit allem je besser man es kann, desto mehr Spass macht es. Tanzen ist in Grunde genommen ein sehr anspruchsvoller Sport, der eine sehr gute Kondition verlangt. Nach zwei Jahren entschied ich mich an einem Wettkampf teilzunehmen. In der ersten lokalen Runde haben wir es knapp auf den 3. Platz geschafft, in der zweiten überregionalen Runde haben wir es ebenfalls knapp auf den 3. Platz geschafft, was beide Male ausreichend war, da die erste drei Paare für die nächsthöhere Runde qualifiziert waren. Meine Grossmutter freute sich damals riesig und schlug mir vor, dass sie mir für die nationale Endrunde ein neues Kleid nähen wird. Bis dahin waren meine Tanzkleider hell, konservativ und bis zum Hals geschlossen. Für die nationale Runde nähte mir meine Grossmutter ein feuerrotes Trägerkleid, mit einem weiten Rock der bei Drehungen fast bis zum meinem Kopf hochstieg. Das Kleid war sehr auffällig, so etwas hatte ich vorher noch nie besessen. Aber ich glaube meine Grossmutter wusste wohl sehr gut, warum sie es so geschnitten hatte wie sie es gemacht hatte, ohne es mir je zu sagen. In der nationalen Runde der Tänzer bis 18 Jahre belegten wir bei den lateinamerikanische Tänzen den 2. Platz. Ich bin überzeugt, dass das Kleid einen grossen Teil dazu beigetragen hatte.

In der Schweiz ist der Gesellschaftstanz eine Randerscheinung. Leider. Ich hatte kaum Gelegenheit mein Können anzuwenden und vergas mit den Jahren fast alle die ausgeklügelten Schritte. Die Grundschritte, die kann ich aber bis heute. Gestern war ich auf einer Geburtstagsparty. Mein wunderhübsches, kluges 10-jähriges Patenkind war dort auch. Er hat vor 2 Jahren mit dem Tanzen angefangen. Als die Musik zu spielen begann, wollte er mit seiner Partnerin tanzen. Sie fand es peinlich vor all den Leuten und weigerte sich. Da kam er zu mir und fragte mich, ob ich Cha Cha Cha tanzen kann. Klar, das kann ich, bejahte ich.

So kam es, dass wir als einziges Paare tanzten. Es war toll und herrlich. Am Anfang mussten wir uns mit den Schritten finden und nicht zu vergessen, dass der Junge mehr als einen Kopf kleiner ist als ich. Nach ein paar Minuten aber lief es wie wenn wir zusammen schon Wochen zu Hause trainiert hätten. Es war ein tolles Gefühl wieder einmal zu tanzen!!

 

Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s