Michaela Merz

Wohngemeinschaft

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484814_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deEs hat vor längerer Zeit angefangen. Irgendwann fragte mich meine Freundin, eine Professorin an der Universität, ob ich nicht ein Zimmer für eine chinesische Studentin für 6 Monate hätte. Ich hatte ein freies Schlafzimmer, aber nicht wirklich darüber nachgedacht, ob ich es vermieten will. Meine Freundin versprach mir, dass wenn es überhaupt nicht geht, wird die Studentin bei ihrem Doktorvater auf das Sofa in Wohnzimmer umziehen.

Ich war mir nicht wirklich sicher, ob es eine gute Idee ist, aber ich wollte helfen und sagte ja. Die Miete hat für Zürcher Verhältnisse eher symbolischen Charakter. Mit Zhing haben wir dann eine kleine Kulturrevolution erlebt. Es war eine interessante Begegnung, ein Austausch auf vielen Ebenen. Zhing war sehr ängstlich, hat sich kaum aus dem Haus getraut. Viele Dinge, die für uns selbstverständlich sind, mussten wir ihr beibringen. Einmal hat sie falschen Alarm ausgelöst und weigerte sich standhaft der ausgerückten Polizei zu öffnen. Aber ein halbes Jahr ist schnell vorbei und obwohl wir dachten, jetzt lassen wir das Zimmer wieder leer, las ich an der Tramstation im Warteraum eine kluge, aber verzweifelte Anzeige eines jungen Franzosen, der ein Zimmer suchte. Und so ist Jean bei uns eingezogen. Nach ihm kamen die kluge, hübsche und nette Jurastudentin, dann der italienische Onkologieforscher, der deutsche Architekt und der tschechische Hauswart.

Eine Wohngemeinschaft ist eine anspruchsvolle, aber extrem bereichernde Wohnform. Man ist nie allein. Man kann und muss sich mit verschiedenen Lebensweisen auseinandersetzen. Ab und zu und immer wieder musste ich ein Machtwort sprechen. Zum Beispiel als der junge Deutsche im Garten unter meinem Schlafzimmerfenster Marihuana rauchte. Ich habe ihm klar gemacht, dass im Haus keine Drogen geduldet werden und rauchen muss er mit 5 Metern Abstand vom Haus entfernt. Bei der Streetparade wird das Haus durch all die jungen Mieter zum Epizentrum der Vorbereitung. Es wird gelacht, geredet, getrunken, geschminkt, gewitzelt, gegessen. Letztes Jahr waren es um die 25 Leute.

Ab und zu treffen wir uns dann alle zu einem großem Nachtessen und ich nehme am Leben der‎ studentische Generation teil und fühle mich regelmässig in die Zeiten versetzt als ich selber an der Universität studierte und eine billige Bleibe brauchte.

Ich habe noch nie eine schlechte Erfahrung mit meinen Untermietern gemacht. Mein Vertrauen in das Gute im Menschen ist riesig und die gelebte Realität scheint es zu bestätigen. Immer wieder erlebe ich mit meinen Mietern kleine nette Überraschungen, die mir den Tag regelrecht versüssen. Wie zum Beispiel gestern. Ich musste nach Genf und das bedeutet viele Stunden Zugfahren. Es war kurz nach 5 Uhr am Morgen als ich das Haus verliess, um zum Hauptbahnhof zu fahren. Vor unserem Haus stand ein Taxi und der Taxifahrer stieg gerade aus.

Es zeigte sich, dass es sich um Vater unserer klugen Juristin handelte. Er hatte ihr einen Volleyball gebracht und bot mir an mich mitzunehmen. Und so war ich in ein paar Minuten am Hauptbahnhof und konnte wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben vor Abfahrt des Zuges in Ruhe einen Kaffee trinken.

Somit kann ich mir mittlerweile gar kein anderes Leben als meine grosse WG vorstellen.

 

Bildquelle: Dieter Schütz/pixelio.de

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