Michaela Merz

Gedankenlosigkeit im Kletterpark

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Es sind Herbstferien. Es ist noch warm und sonnig. Wir geniessen es mit meinem kleinen (Grossen, mittlerweile 9 Jahre alt) draussen auf dem Velo, auf dem Kanu, auf dem Stand-up Paddel Board. Mein Kleiner ist ein leidenschaftlicher Kletterer, der keinem Baum widerstehen kann. Es ist darum nicht überraschend, dass er den Wunsch äusserte einen Kletterpark zu besuchen.

Der Kletterpark in Gordola befindet sich in einem wunderschönen alten Baumbestand. Nach sorgfältigen Instruktionen, ausgerüstet mit Helm und Handschuhen machen wir uns auf den Weg. Es beginnt harmlos und nur paar Zentimeter vom Boden entfernt, aber wird mit der Zeit immer anspruchsvoller und höher. Passieren kann nicht viel, wenn man die Grundregel beachtet, dass von den zwei Sicherheitskarabinern mindestens einer immer in das Stahlseil ‎eingehängt sein muss. Wir überqueren in luftigen Höhen wacklige Brücken, balancieren auf Balken und Slacklines, überwinden verschiedene fiese Hindernisse oder fahren in 5 Meter Höhe mit dem Board auf einem Seil. Mein Kleiner immer voraus, schnell und flink wie ein kleines Äffchen ohne Angst. Ich hingegen muss bei bestimmten Teilstücken beim ersten Schritt immer allen Mut zusammennehmen. Nein, es ist nicht wirklich Angst, weil passieren kann nicht viel, es ist eine Mischung aus sich nicht blamieren wollen und gesundem Respekt vor der Herausforderung. Wir haben die hellblaue, die dunkelblaue wie auch die grüne Strecke hinter uns gelassen. Wir sind jetzt hoch oben in den Baumspitzen und durchqueren die rote Strecke. Für Streckenteile, wo man fährt, haben wir eine Rolle, die wir am Seil befestigen und sie dann in die zwei Karabiner einklappen und fahren.

Ich beobachte immer mit einem Auge meinen Kleinen und gleichzeitig versuche ich ihm so schnell wie möglich hinterherzukommen. Und in dem Moment ist mir der allerdümmste Fehler unterlaufen. Anstelle die Rolle in das Seil einzulegen, hänge ich die zwei Karabiner direkt ein und versuche nach unten zu fahren. Ich merke sofort, dass es nicht geht. Die Karabiner gleiten nicht wie Rollen, sondern bremsen. Ich hänge ziemlich hilflos in etwa 10 Meter Höhe und kann weder vor noch zurück und ärgere mich über meine Dummheit!! Das passiert halt, wenn man sich zu wenig konzentriert. Was jetzt, denke ich. Da hat mein Kleiner schon bemerkt hat, dass ich in der Klemme sitze respektive hänge und ruft er mir ängstlich zu. Das versetzt mir einen Stressstoss. Er kann mir nicht helfen, ich muss mich selber aus dieser Lage befreien. Das ist schwieriger gesagt als getan. Ich hänge auf einem Seil unbeweglich und muss entweder zum Ausgangspunkt zurück, der nur ein Stückchen entfernt ist, oder zum Zielpunkt, der sehr weit entfernt scheint. Ich versuche es in Richtung Ausgangspunkt, aber das ist Aufsteigen und somit mit meiner Kraft kaum möglich. Gut, ich muss zum Zielpunkt. Ich schiebe mich wie eine Schnecke mit der Kraft meiner Oberarme in Richtung meines Kleinen. Mittlerweile tun mir die Oberarme weh. Es ist wie ein inneres Feuer, das sich in ihnen ausbreitet. Ich mag kaum mehr und das Ziel scheint unerreichbar weit zu sein. Auf der anderen Seite habe ich keine Lust, dass ich mit irgendwelchen super peinlichen Rettungsmassnahmen aus meiner misslichen Lage befreit werde. Ich kämpfe mich weiter und weiss nicht woher ich die Kraft nehme. Ich muss immer wieder anhalten um Kraft zu sammeln. Ich bin beim Einstiegspodest der nächsten Station angelangt, aber meine Kräfte reichen jetzt nicht mehr um mich hochzuziehen. Ich sitze in meinem Gurt, atme tief und versuche mental mehr Kraft in meine Arme zu pumpen. Physikalische Gesetze zu überlisten ist aber schwierig. Es dauert ewig und fühlt sich wie eine Stunde bis ich endlich total erschöpft und mit brennenden Muskeln auf der Plattform stehe. Ich bin k.o., aber unheimlich gestärkt. Ich weiss ich bin dumm. Bei dieser Aktivität nicht voll konzentriert sein, kann schnell tödlich enden. Auf der anderen Seite schaffte ich es immerhin noch meinen eigenen Fehler auszubügeln. Die Welt ist im Nachhinein wieder in Ordnung.

Am Abend bin ich eingeschlafen kaum hat mein Kopf das Kissen berührt. Am nächsten Tag hatte ich einen leichten Muskelkater. Ich habe es als wunderbares Erinnerungsstück an eine Lektion wahrgenommen. In Zukunft beim Klettern immer nur voll konzentriert!!

Bildquelle: Albrecht E. Arnold  / pixelio.de

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