Michaela Merz

Einen Tag für 5 Franken in Zürich

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Ich habe gelesen, dass in Kambodscha im Jahr 2011 92% der Bevölkerung mit weniger als 5 Franken pro Tag auskommen müssen (www.qaundl.com). Ich erzählte es meinem Kleinen (bald 9) und wir haben gemeinsam nachgedacht, wie sich so etwas überhaupt machen lässt.‎ Klar, man kann die Schweiz in dieser Hinsicht nicht mit Kambodscha vergleichen, aber Armut gibt es überall.

Ohne arrogant zu sein wollten wir es probieren wie wir einen spannenden ereignisreichen Tag in einer der teuersten Städte diese Erde, in Zürich erleben könnten ohne Hunger zu haben und ohne Abstriche beim Programm.

Und so sind wir mit zwei Trottinetts, einem Badetuch, Badehosen, eine kleinen Kamera, einer grossen Flasche Wasser und einem aufblasbaren Ring in die Stadt Zürich gezogen. Trottinett brauchten wir, weil wir uns keine öffentlichen Verkehrsmittel leisten konnten. In der Bäckerei fragten wir, ob sie Brot vom Vortag haben, das sie bereit wären verbilligt abzugeben. Sie hatten und wir bekamen es für einen Franken. Für Frühstück war gesorgt. Dann fuhren wir quer durch die Stadt und erfreuten uns an der Kunst. ‎Mein Kleiner spielte an der Slotmaschine und gewann nichts. Auf dem Sechseläutenplatz schauten wir bei der Wasserfontäne den spielenden Kleinkindern zu. Im Migros kauften wir zwei verbilligte Bratwürste für 2 Franken und warfen sie auf den öffentlichen Elektrogrill neben dem See am Zürichhorn. Wir badeten und genossen das sensationelle Sommerwetter. Danach wieder quer durch Stadt bis zum Lettenbadi an der Limmat. Wir haben unseren grossen Schwimmring aufgeblasen und sprangen in die Limmat. Einmal, zweimal, vielleicht zwanzig Mal an diesem Nachmittag. Wir liessen uns durch die Strömung mit etwa 1500 Leuten, die an diesem Samstagnachmittag die gleiche Idee hatten, tragen. Spass und Unterhaltung hatten wir eine Menge. Irgendwann hatten wir beide genug. Wir kauften in der Migros ein grosses Stück Aprikosenwähe, verbilligt auf 2 Franken und teilten es uns. Dann machten wir eine Reise von Spielplatz zu Spielplatz und mein grosser Kleiner kletterte wie ein Affe, rutschte und fand das Programm gut. Da waren wir bei der Josefwiese angekommen und setzten uns vor dem “jenseits” zu einem gratis Konzert. Mein Kleiner hatte Hunger, aber nicht wirklich Lust das Brot vom morgen zu essen. Da er aber mit wildfremden Jungs Kunststücke auf seinem Trottinett machte, wurde er gefragt, ob er nicht eine Wurst will, die auf dem Grill übrig geblieben war und er sagte sofort ja. So kam er zu seiner zweiten Wurst an diesem Tag. Und so reichte das Geld noch für zwei grosse Glace, die wir auf dem Rotgenplatz assen, als wir am Abend die gratis Kinovorstellung “Spirited Away“ schauten.

Es war ein langer Tag vollgepackt mit Ereignissen, Gesprächen mit Unbekannten, Unerwartetem, Spannendem. Wir haben nichts davon geplant. Es hat sich einfach so ergeben. Ernährungstechnisch nicht das richtige, aber der Tag hat uns genau diese 10 Franken gekostet und wir mussten auf nichts verzichten. Zürich mag eine wahnsinnig teure Stadt sein, aber was man alles an so einem Sommertag erleben kann, ist einfach nicht zu übertreffen. Einen Sommertag lang von 5 Franken zu leben ist lustig, jeden Tag das gleiche zu tun, würde wahrscheinlich unsere sämtlichen Kräfte auszehren.‎ Darum sind wir ins Bett mit einer übergrossen Dankbarkeit so privilegiert zu sein, dass wir nicht nur mit 5 Franken überleben müssen.

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