Michaela Merz

Die Geschichte von Irma

Leave a comment

78084_web_R_K_by_Paul-Georg Meister_pixelio.deIrma hatte ihre Familie sehr früh verlassen. Sie wollte Damenschneiderin werden und bei ihnen im Dorf konnte sie diesen Beruf nicht lernen. Darum musste sie ganz allein in die grosse Stadt um den Beruf zu erlernen. Als ich sie kennenlernte, war sie eine sehr erfahrene und begnadete Schneiderin, die alles nähen konnte was ein Frauenherz begehrt, beginnend bei herzigen Kleinkindertaufkleidchen, über verführerische Nachthemden, bis hin zu fantasievollen und gewagten Ballroben.

Sie hat wenig aus ihrer Vergangenheit erzählt und aus dem wenigen habe ich mir ihre Lebensgeschichte zusammengefügt wie man aus Puzzlesteinen ein Bild legt. Vollständig ist sie wohl kaum. Das einzige, was sie mir je von ihrer Mutter erzählt hat, war eine kleine Geschichte, die sie lebenslang gekränkt hat und eine tiefe Wunde in ihrer Seele hinterliess. Damals am Heiligabend musste sie in ihrer Lehre bis spät am Nachmittag arbeiten. Mit dem Zug nach Hause ins Dorf und dann vom Bahnhof ins Dorf war es noch ein rechtes Stück. Es war dunkel und kalt, aber Irma mit vielen kleinen Geschenken beladen, die sie selber genäht hatte – eines für jedes ihrer 5 jüngeren Geschwister- freute sich sehr. Sie freute sich auf das traditionelle Weihnachtsessen mit ihnen, auf ihr Lachen und neugierige Fragen über die grosse Stadt. Als sie nach Hause kam, war es drin sehr warm und ungewöhnlich still. Die Kinder sassen beim Weihnachtsbaum und Vater las ihnen eine Geschichte vor. Irma war überrascht, dass der Tisch nicht gedeckt war. Sie begrüssten sich und die Mutter sagte zu ihr “Irma, die Kinder haben Hunger gehabt, wir haben schon gegessen. Dein Essen ist im Ofen.“ Irma war wie vom Blitz getroffen. Am liebsten hätte sie geweint, aber ihr grosser Stolz verhinderte, dass sie ihre Tränen zeigte. Diese Geschichte erzählte sie mir nur einmal, aber die Bitterkeit in ihrer Stimme war auch fast 50 Jahre später immer noch gross.

Nach der Lehre heiratete sie, bekam Kinder und kümmerte sich um sie und den Haushalt. Einer bezahlten auswärtigen Arbeit ist sie nie nachgegangen. Zu Hause hat sie umso mehr gearbeitet und mit ihrer Schneiderei für die Familie Geld verdient. All das verdiente Geld war schwarz. Steuern und Sozialabgaben hat sie nie bezahlt und wahrscheinlich darüber auch nie nachgedacht. Als ich sie kennenlernte, war sie schon im Pensionsalter und hatte keine Rente und lebte von ihrer Schneiderei. Sie lebte sehr bescheiden und sparsam. Ich mag mich noch erinnern wie ich ihr einmal in ihrer Speisekammer half und wie ich über die Menge der eingelegten Früchte, Gemüse, Pilze staunte, die sie billig im Sommer sammelte oder kaufte und für den Winter aufbewahrte. Der größte Eindruck machten zwei übergrosse Gläser voll von Eiern. Auch die hat sie im Sommer billiger gekauft und für den ganzen Winter eingelegt.

Was in der Beziehung mit ihrem Mann passierte, hatte ich nicht wirklich verstanden. Sie schwieg eisern darüber. Ich weiss, dass er eines Tages aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden ist und sie mit den Kindern allein gelassen hatte. Ich vermute, dass er ihr ein bisschen Geld schickte, aber viel konnte es nicht sein. Sie blieb allein und in der Hoffnung, dass er zurückkommt. Sie liebte ihn ihr Leben lang.‎ Sie zog ihre Kinder, dann die Grosskinder gross und schneiderte phantasievolle Roben. Ich hatte auch einige von ihr gehabt.

Sie war eine sehr stolze, fleissige und arbeitsame Frau. In ihren Kleidern, die sie selber entwarf, war unglaublich viel Fantasie. Wäre sie an einem anderen Ort geboren worden, hätte sie es bis zu einer weltweit anerkannten Modedesignerin bringen können. So blieb sie eine stadtbekannte Schneiderin, die nie im Ausland war und die meiste Zeit ihres Leben in ihrer Wohnung verbrachte, die sie nach ihrer Hochzeit bezogen hatte und bis zu ihrem Tod bewohnte.

Ich glaube eines Tages realisierte sie, dass ihr Mann nie mehr zurückkommen würde. Von da an ging es mit ihr sehr schnell bergab. Es war als, ob sie ihren Lebenswillen verloren hatte und aufhörte zu kämpfen. Sie erkrankte an Alzheimer. Ein halbes Jahr später musste sie wegen Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ich besuchte sie, als ich es erfahren hatte, aber sie erkannte mich nicht wieder. Sie war wach, aber sah mich nicht, ihre Hände machten an der Decke Bewegungen wie wenn sie Stoff schneidet um davon ein Kleid zu schneidern. Ein leichtes Lachen huschte über ihre Lippen und sie schien nicht unglücklich oder in Schmerzen zu sein. Die Schwester erzählte mir, dass sie sehr oft für sich erzählte und der Name, der am meisten vorkam, war Gabriel. Der Vorname ihres Ehemannes. An ihr Sterbebett ist er nicht gekommen. Ohne ihn zu kennen, nahm ich es ihm sehr übel. Sie starb 3 Tage später ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben.

Ihr Begräbnis war riesig. All ihre unzähligen Kundinnen waren dabei. Und dort zeigte mir jemand einen alten, elegant gekleideten Herrn mit dunklem Hut. Gabriel ist doch noch gekommen.

Bildquelle: Paul-Georg Meister  / pixelio.de

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s