Michaela Merz

Public Viewing mal anders

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Die Bildschirme sind überall, Fussball ist allgegenwärtig. Man kann sich dem gar nicht entziehen. Am Samstagabend hat sich meine ältere Tochter vorbereitet um den Fussballmatch von Deutschland zu schauen. Sie bemalte sich im Gesicht und war voller Vorfreude. Der Jüngste wäre auch gerne in die Stadt, aber die Übertragung war halt zu spät und da muss er schon im Bett sein. Trotzdem haben wir abgemacht, dass wir am Abend in die Stadt gehen, um uns die Massen von feiernden Leuten bei warmem Juni Wetter anzuschauen. Erst haben wir eine Skaterclique entdeckt, die ihre halsbrecherischen Kunststücke mal besser und mal schlechter dem Publikum vorführte und irgendwann sind wir beim Sechseläutenplatz gelandet. Der Platz war voller blauer zusammenklappbarer Stühle und an denen stand „Oper für Alle“. Gespielt wurde Rigoletto. Wir entschieden uns spontan auch mitzuhören. Wir liessen uns am Boden nieder und ein freies Plätzchen zu finden war gar nicht so einfach. 10’000 Leute schauten zu.

Rigoletto handelt von Liebe, Untreue, Verrat, Schmerz und Mord. Am Ende wird Gilda ermordet und stirbt in den Armen ihres Vaters. Eine sehr spannende und sehr traurige Geschichte mit wunderschöner Musik. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass mein Kleiner bis zum Ende durchhält. Ich dachte, irgendwann wird ihm langweilig und er wird weiter zum See wollen. Dem war aber nicht so. Er war fasziniert und ich war froh. Er sass auf dem Boden schaute mit grossen Augen auf den riesigen Bildschirm und verfolgte mit absoluter Aufmerksamkeit die tragische Geschichte. Und ich konnte das machen, was ich mir schon immer gewünscht habe. Ich streckte mich auf den sehr warmen Steinen aus und genoss im Liegen und mit geschlossenen Augen die Wärme, die den ganzen Körper umhüllte. Der Klang der Musik und die Stimmen der Sänger kombiniert mit dieser wunderbaren Bodenwärme waren wie eine unbezahlbare therapeutische Massnahme zum Entspannen. Nur diese war gratis.

Gegen Ende bekam mein Junge ein bisschen kalt, da wir keine Pullover mitgenommen hatten und ich nicht damit gerechnet hatte, so lange zu bleiben. Ich setzte mich auf und umarmte ihn, damit er warm genug hatte. Dann sah ich das blutverschmierte Hemd von‎ Gilda und in Nahaufnahme auf dem Bildschirm sah man die Hand von ihrem Vater wie sie sich rot gefärbt hat.

Dann war Schluss und tobender Applaus übertönte alle anderen Geräusche. Es war wunderschön, inspirierend und sehr entspannend. Seit dem spricht mein Kleiner über Rigoletto und löchert mich mit Fragen, die ich nicht beantworten kann.

Public Viewing ja!! Es muss halt nicht immer Fussball sein.

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