Michaela Merz

Sigis Kampf oder Wahl des Richtigen

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Es ist gar nicht einfach sich für den richtigen Kandidaten zu entscheiden. Ab und zu scheint es offensichtlich zu sein und aus einer Auswahl von mehreren Personen sticht einer hervor. Es ist dann eindeutig und klar. Das ist der richtige!! Ja solche Erlebnisse habe ich schon paar Mal gehabt. Ich habe mit Menschen zu tun und je älter ich werde, umso vorsichtiger bin ich in meiner Einschätzung. Leute, die auf den ersten Blick Überzeugen können, zeigen dann später schwerwiegende Macken, mit denen umzugehen gar kein einfaches Vorhaben ist. Bei der Auswahl eines richtigen neuen Mitarbeiters braucht es neben wissenschaftlichen Methoden, die richtige Portion Glück und ein bisschen nicht definiertes “Gspüri”. Vor Jahren habe ich gelesen, dass eine richtig geschrieben Stellenanzeige nicht Hunderte von Kandidaten, sondern den einen einzigen, dafür aber den einzig richtigen Kandidaten zu einer Bewerbung motiviert. Ich habe es mehrmals versucht, aber es ist mir noch nie gelungen. Vielleicht gilt es für bestimmte Arten von Berufen, für den Beruf des Mehrwertsteuerberaters funktioniert es nicht (zumindest dann nicht, wenn ich es selber mache). Ich könnte es mir bei einer Anzeige vorstellen, die etwa so klingt: “Gesucht wird ein Kandidat mit Fähigkeit einen Helikopter zu fliegen, Fallschirm zu springen, ausgebildet in Nahkampf für einen sehr gefährlichem Befreiungseinsatz. Der Lohn beträgt bei Erfolg $ 300’000 für etwa 3 Wochen. Bei Misserfolg keine Entlohnung. Sozialleistungen, Versicherung, Garantien werden nicht angeboten.” Für so eine Anzeige meldet sich vielleicht wirklich der eine einzige richtige.

Wenn man aber eine Anzeige schreibt, die etwa so klingt “eine spannende Herausforderung im Bereich internationale Mehrwertsteuer wird einem Kandidaten mit guten analytischen, sprachlichen, rechnerischen und juristischen Fähigkeiten angeboten” – kann es passieren, dass gar keine Antwort kommt, oder drei, die nicht wirklich überzeugen. Aber man kann sich auch gewaltig täuschen, weil eine von den blassen Kandidaten eigentlich ein vergrabener zukünftiger Superstar sein kann. Das weiss ich nämlich aus eigener Erfahrung.

Mit 20 Jahren habe ich an einem Sommerlager für Studenten teilgenommen. Eine der Disziplinen war Sigis Kampf. Sigis Kampf ist einfach, man bekommt ein Glas Wasser, das man sich auf dem Kopf stellen muss, steht auf einem Bein mit dem Fuss des anderen Beins auf dem Oberschenkel des stehenden Beins, ein Zeigefinger im Ohr. Gewonnen hat derjenige, der es schafft am längsten stehen zu bleiben, ohne den Boden mit dem Fuss zu berühren oder das Glas auf den Boden fallen zu lassen. Wir haben angefangen. Von Anfang an hatte ich wahnsinnige Mühe, so stehen zu bleiben. Ich bewegte den ganzen Körper hin und her auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Die anderen standen da wie aus Marmor gemeisselt und ich flatterte wie ein Blatt im Wind. Wetten wurden genommen auf den möglichen Gewinner. Niemand, aber wirklich gar niemand, hat auf mich als mögliche Gewinnerin getippt. Das hat mir nichts ausgemacht, weil ich alle Hände (respektive Körper) voll zu tun hatte um meine Position zu halten. Da sind schon die ersten Gläser zu Boden gegangen. Ich flatterte munter und hoch konzertiert weiter. Ich trug den Kampf mit mir selber aus. 10 Minuten vergingen und mehr als die Hälfte hatte bereits aufgegeben. Nach 15 Minuten waren wir nur noch eine Handvoll Leute, aber ich die einzige, die total unsicher und überfordert wirkte. Nach 20 Minuten waren wir zu Dritt und nach den nächsten 10 Minuten sind wir nur zwei übriggeblieben. Dann begann auch die andere Person so zu flattern wie ich und es dauerte nicht lange und ich war die einzige. Aber ich hatte weiter Lust mit mir zu kämpfen und zu zeigen was ich kann. Ich stand da, hin und her bewegend auf der Suche nach dem Gleichgewicht, genau wie am Anfang und irgendwann, ganz kontrolliert hielt ich still, nahm das Glas von meinem Kopf, stellte den eingeschlafenen Fuss auf den Boden und liess mich feiern. Ich war die Gewinnerin, die niemand erwartet hatte.

Man muss nämlich sehr vorsichtig sein in Beurteilung, ob eine Person für eine Aufgabe geeignet ist. Die Wahl des Richtigen ist eine von den schwierigsten Aufgaben im Nachhinein.

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