Michaela Merz

Der Kontrolleur (eine Geschichte die mir vor 25 Jahren in Prague erzählt wurde)

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Ich bin einer der Menschen, der ordnungsgemäss die Steuererklärung ausfüllt, die Strasse nicht bei rot überquert und nicht schwarzfährt. Aber da kaum jemand immer redlich ist, passierte auch mir ein Fehler.

Ich hatte das Bein gebrochen und musste daher für fast zwei Monate zu Hause bleiben. Eines Abends läutete das Telefon und die hysterische Stimme meiner hysterischen Freundin, die nur ein paar Strassen weiter wohnte, flehte mich an, sofort zu ihr zu kommen. Dann legte sie auf. Ich versuchte sie zurückzurufen, aber ich konnte sie nicht mehr erreichen. Ich zog mich an, nahm meine Krücken und ging los. Ich beschloss mit der Strassenbahn zu fahren, die Haltestelle war genau vor meinem Haus. Ich stieg ein und dachte nicht daran, dass ich gar kein Ticket hatte. Die halb-leere Strassenbahn fuhr los. Ich sass weit vorne, in der Nähe des Fahrers und hatte ein komisches Gefühl. Genau in dem Moment, als wir die erste Haltestelle erreichten, wusste ich auf einmal warum. Das komische Gefühl war ein Mann, der langsam von hinten nach vorne kam und bei jedem Fahrgast einen Moment stehen blieb. Die Türen der Strassenbahn waren gerade dabei zu schliessen und ich stieg aus, so schnell wie möglich mit meinem gebrochenen Bein und den Krücken. Mir war eingefallen, dass ich kein Ticket hatte und ich wollte nicht erwischt werden. Ich stolperte also aus der Strassenbahn, aber in der Mitte der Strasse legte jemand seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Kann ich bitte Ihr Ticket sehen?“ „Ich habe es schon weggeworfen“, antwortete ich blitzartig. „Dann kommen Sie mit und zeigen mir wo“, fuhr er hartnäckig fort. „Sie sind nur befugt, mich in einer Strassenbahn zu kontrollieren, aber sobald ich ausgestiegen bin, ist die Strasse nicht mehr Ihr Bereich; ich als Anwältin weiss das schliesslich“, erwiderte ich. „Ich bin mir sicher, dass Sie kein Ticket hatten“, meinte er weiter. „Niemand würde Ihnen glauben, dass ich auf der Strasse nach dem Ticket gefragt habe, Sie versuchten einfach davonzulaufen“, sagte er.

Ich bemerkte, dass er immer unsicherer wurde. „Also, erstens”, ich begann einen Streit vom Zaun zu brechen, da ich mir sicher war, dass mich hier nur Frechheit retten würde, „in der Strassenbahn waren mindestens drei Leute, die mich kannten. Ich wohne hier, wissen Sie. Sie könnten bezeugen, dass es so war wie ich sagte. Zweitens, wer würde Ihnen glauben, dass ich versuchte mit Krücken und meinen gebrochenen Bein davonzulaufen?“ Er wollte nicht aufgeben. „Entweder Sie bezahlen die Busse oder Sie zeigen mir Ihren Ausweis“, meinte er unfreundlich. „Ich bin unterwegs zu meiner Nachbarin und habe keinen Ausweis dabei und ich werde sicher keine Busse zahlen“, sagte ich weiter, realisierte aber, dass sich für mich die Wolken zusammenzogen. „Gut, dann gehen wir zur Polizei“, sagte er beiläufig. „Einverstanden, gehen wir”, antwortete ich und versuchte meine Stimme selbstbewusst klingen zu lassen, aber innerlich zitterte ich. Auf Krücken ist es nicht möglich, schnell zu gehen und der Weg zur nächsten Polizeistation war relativ lang. Wir begannen zu reden und ich versuchte ihn zu überzeugen, dass er keine Chance hatte, da ich eine gewitzte Anwältin wäre. Sollte er mich erfolgreich vor Gericht bringen, würde ich ihn zur Schnecke machen, auch unter Verwendung falscher Zeugenaussagen, falls notwendig. Er ging schweigsam neben mir her und hörte gut zu. Ich hatte den Eindruck, dass er ziemlich erschüttert war. Als wir am Neonschild einer Bar vorbeikamen, schlug ich vor, unsere Diskussion dort fortzusetzen. Er war einverstanden. Ich war aus dem Gröbsten heraus. Wir verbrachten einen angenehmen Abend bei Rotwein. Um Mitternacht sagte ich ihm, dass ich nach Hause gehen müsste. Er bezahlte die Rechnung und wir gingen freundschaftlich von einander. Ich erzählte ihm nie die Wahrheit, dass ich gar keine Anwältin, sondern eine BWL-Studentin war.

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