Michaela Merz

Mein Leben als Turnlehrerin an der Landwirtschaftlichen Schule

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Ich brauchte damals Geld. Und was ist schöner als Geld mit etwas zu verdienen, was einem unheimlich Spass macht. Als ich die Anzeige an der ETH sah, dass die Landwirtschaftliche Schule einen angehende Sportlehrer sucht, der einmal pro Woche Konditionsunterricht gibt, dachte ich, das ist meine Chance.

Ich habe nicht gelogen, aber ich habe auch nicht die ganze Wahrheit erzählt. Ich angehende Wirtschaftswissenschaftlerin, war eigentlich Meilen von einem Sportlehrerdiplom entfernt. Mein unheimliches Glück war, dass sich die Landwirtschaftliche Schule im Niemalsland befand. Weit weg von einer Zugstation, am Abend nur schwer erreichbar. Und ich wohnte nur 3 km weit entfernt.

Auf die Anzeige meldete sich eine einzige Bewerberin, nämlich ich!! Ich bekam die Aufgabe eine Turnstunde vorzubereiten und durchzuführen. Ich verbrachte ein Wochenende mit Literaturstudium, das nächste mit Auswahl und Zusammenstellung der Musik und ein Drittes mit Einstudieren der Stunde bis ins kleinste Detail. Es hat unheimlich viel Spass gemacht.

Meine Schüler waren angehende Bauern und Pferdepfleger. Am Anfang waren sie 10 Jahre jünger als ich, mit der Zeit 20 Jahre jünger. Ich gab meine Stunden nämlich unzählige Jahre. Mit Begeisterung stellte ich neue Stunden, neue Musik, neue Spiele zusammen. Meine Ansprüche an mich, an meine Stunde, an unsere gemeinsamen Ziele waren sehr hoch. Wenn ich sah, dass noch nicht alle T Shirts durchgeschwitzt waren, erhöhte ich das Tempo und baute ein schnelles Spiel ein.

Meine Jungs, weil Mädels gab es extrem selten und selten länger als paar Wochen im Schuljahr, sind mir jedes Jahr aufs Neue stark ans Herz gewachsen. Ich kannte ihre Schwachstellen bei der Bauchmuskulatur, bei der Koordination. Ich liebte es ihren Problemen zuzuhören. Das war eine ganz andere Welt, als ich sie kannte. Die Welt des Stallgeruches, der harten körperlichen Arbeit, aber auch ein Welt mit hohem Selbstbewusstsein und Stolz. Eine Welt, wo Loyalität und Handschlag keine leeren Worte waren, sondern gelebte Realität. Ich schlauchte sie alle mit Vergnügen und mit dem Ziel, das Beste aus ihnen herauszuholen. Es war tatsächlich verblüffend zu beobachten wie sich die Ausdauer, die einzelnen Muskelgruppen während des Schuljahres verbessert hatten.

Zu Weihnachten lud ich sie zu mir nach Hause ein, zu einfachem Essen und grossen Diskussionen. Unvergesslich bleibt der Abend, als sich einige an meinem Schnapsvorrat gütlich taten und den Geschenkschnaps aus der Slowakei Borovicka (Nadelschnaps) austranken. Nur mit Müh und Not habe ich sie nach Hause gebracht und die Umgebung ihrer Unterkunft zeugte am nächsten Tag davon, dass junge bäuerliche Mägen doch nicht alles vertragen, insbesondere wenn sie grosse Mengen davon trinken!!

Die Bauernjungs, ihre Bodenständigkeit, ihre Schlauheit, ihr Realitätsbezug fehlen mir heute. Da ich aber mit einigen befreundet bin, können wir uns über die alte Tage an der landwirtschaftlichen Schule unterhalten, als ich dort Turnunterricht gab. Mit dem Ziel, dass niemand die Turnhalle ohne durchgeschwitztes T-Shirt verlassen durfte!!

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