Michaela Merz

Russia with Love

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Russland hat mich schon immer fasziniert. Die Vielfalt, die Literatur, das Ballett, Theater, die Weite, die sanfte Wehmut und vor allem die Leute. Ich liebe Russen. Sie haben ein grosses Herz, sind hilfsbereit, man kann mit ihnen stundenlang leidenschaftlich über Politik, Kunst und etliche Themen diskutieren und sie können mich immer wieder überraschen. Ich gebe zu, mein Russisch ist eingerostet. Aber es bräuchte vielleicht einen Monat und es wäre wieder da wie damals vor mehr als 20 Jahren als ich im Rahmen eines Studentenaustauschs einige Zeit in St. Petersburg, damals Leningrad, verbrachte.

Ich wohnte in einem Studentenheim. Von Privatsphäre konnte keine Rede sein. Wir waren fast 20 Mädchen, die wir uns einen grossen fast 4m hohen Saal mit riesigen Fenster teilten. Der Raum schien mehr zum Tanzen als zum Schlafen geeignet zu sein. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Ich wohnte dort fast gratis. Kleinigkeiten konnten mich nicht stören. Alles war dort alt, aber es war so alt, dass es schon fast wieder historischen Wert hatte. Die metallenen Doppelbetten, die uralten Tischlein wie auch die sanitären Einrichtungen. Auf unserer Etage gab es keinen Duschraum. Nur eine Etage höher war einer. Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag konnten die Mädchen duschen, an den anderen Tagen die Jungs. Gemischte Duschen waren absolut tabu. Und für einen Irrtum im Tag konnte man aus dem Studentenheim ausgeschlossen werden. Das alles war ok, was aber einer Katastrophe glich, war die Tatsache, dass das Studentenheim um 22 Uhr schloss. Danach gab es keinen Einlass. Für lebenshungrige Studenten wie mich war es sehr unangenehm, wenn das Heim erst wieder um 5.30 Uhr öffnete. Die ersten 14 Tage habe ich demzufolge nicht viel in dem Heim geschlafen. Die Abenddiskussionen mit den russischen Studenten waren schlechthin zu interessant. Ich habe mich in die Diskussion vertieft, habe die Zeit vergessen und plötzlich war es halb zehn. Zu spät um rechtezeitig bis 10 Uhr ins Heim zu kommen. Und die Hauswartin, auf Russisch “Djezchurna“, war gnadenlos. Das habe ich nur einmal völlig erfolglos probiert.

Ich diskutierte nächtelang bei Tee, weil Wodka habe ich nie gemocht und sonst hat es nichts gegeben. Zu essen gab es Essiggurken, Brot und Suppe. Es war herrlich. Ich gebe zu, an der Universität habe ich nicht viel Zeit verbracht. Wie auch?! Wenn man sich bis 5 Uhr am Morgen einen Schlagaustausch mit der russischen Intelligenzia auf Russisch liefert und das Nacht für Nacht, braucht der Körper Schlaf. Am Anfang habe ich mich noch gezwungen zum Unterricht zu erscheinen. Aber der Stoff und die Art wie er vermittelt wurde, waren langweilig. Dazu kam meine Müdigkeit. Ich habe dann am Tag geschlafen und sofern möglich geduscht. Warmes Wasser gab es nur von 5 bis 7 Uhr am Nachmittag. Mein Russisch wurde aber immer besser bis hin zu Perfektion.

Und dann kam der Tag, an dem ich um 22.15 Uhr versuchte die Hauswartin zu überzeugen mich noch einzulassen, und ich Vanja kennenlernte. Die Hauswartin liess mich nämlich nicht rein. Ich stand vor dem Studentenheim und war ratlos. Zurück zu der Diskussion, die ich vor einer Stunde verlassen hatte, war es mindestens eine bis eineinhalb Stunden Fahrzeit mit dem öffentlichen Verkehr. Für ein Taxi hatte ich kein Geld und eigentlich war ich hundemüde und wollte schlafen.

Da stand plötzlich ein junger Mann neben mir und fragte mich was los ist. Ich erklärte ihm meine Situation. Er sagte, dass er in dem gleichem Studentenheim im 5. Stock wohne und falls ich will, schmuggelt er mich rein. Ich war hellauf begeistert und bejahte. Wir sind zwei Häuser weiter gegangen und betraten durch ein Loch im Zaun einen Hinterhof. Die Jugend ist naiv und gutgläubig und das ist gut so. Heute ginge ich mit ihm kaum an einen solchen Ort mit. Damals ohne jegliche Bedenken. Wir gelangten in einen Keller und durch die Keller kamen wir zu unserem Studentenwohnheim. Es war aber noch nicht gewonnen. Der Ausgang aus dem Keller war vergittert. Vanja nahm einen der Stäbe raus. So entstand ein relativ kleines Loch. Mit meiner damaligen Figur ging es gerade noch aus, dass ich mich durch dieses Löchlein durchzwängen konnte.

Die Entdeckung dieses Weges bescherte mir sehr viel mehr Freiheit (und vor allem Schlaf in der Nacht), die Bekanntschaft mit Vanja viele weitere Abenteuer.

Jetzt bin ich wieder mal in Moskau auf Geschäftsreise. Ich wohne in Hotel Holiday Inn mit Aussicht auf die Kirche, in der Pussy Riot ihren weltbekannten Auftritt hatten. Mein Zimmer ist im Parterre, sodass ich vom Fenster aus die Passanten fast anfassen könnte. Ungewöhnlich. Aber jetzt kommt schon mein Taxifahrer, der mich wieder zum Flughafen bringt. Ich spreche ihn auf Russisch an. Er stellt sich mir als Vladimir Vladimirovitsch vor. Die ersten 10 Minuten macht er mir Komplimente wie gut ich aussehe und will wissen ob ich verheiratet bin, ob alle Frauen in der Schweiz so hübsch sind und ich musste schätzen wie alt er ist. Danach erzählt er mir ausführlich seine Lebensgeschichte. Jahrgang 55, 2 Töchter, 4 Enkelkinder, Ehefrau, Hund und klassische Ausbildung. Er hat Saxophon am Konservatorium studiert, aber damit kann man keine Familie ernähren. Für die restlichen eineinhalb Stunden der Fahrt deklamierte er russische Poesie für mich. Und ich habe fast alles verstanden.

Mein Russisch ist eben nur ein bisschen eingerostet!! Aber das habe ich schon gesagt.

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