Institutionen, Traditionen, die eigene Bestimmung werden in Frage gestellt. Wir suchen unsere Identität, unsere Aufgabe im Leben, den Sinn, die Berechtigung unserer Existenz. Konstanz und Stabilität sind zu einem raren Gut geworden. In der sich wandelnden Welt suchen wir nach Halt. Für viele ist es die Familie. Der enge Bund von Menschen, die genetisch miteinander verbunden sind.
Wir können in der ursprünglichen Familie verbleiben, aber die Mehrheit wagt sich in die weite Welt und gründet eine neue Familie. Die Hochzeit ist etwas Märchenhaftes, ein erlebter Traum, wo Braut und Bräutigam für einen Tag der Mittelpunkt des Universums sind. Ich finde das Versprechen zusammen zu bleiben, in guten wie in schlechten Zeiten, unheimlich kraftvoll und sehr verpflichtend.
Trotz aller Emanzipation, trotz steigender Anzahl von Uniabsolventinnen, höre ich nur selten, dass die Frau um die Hand des Mannes angehalten hat. Es scheint immer noch die Aufgabe des Mannes zu sein. Wenn alles gut geht, will die Frau einmal im Leben durch den richtigen Mann womöglich sehr speziell gefragt werden “willst du …“ Und originell zu sein, ist gar nicht so einfach. Und bestimmte Hochzeitsanträge sind so verschlüsselt, dass man eine Anleitung nachliefern muss, um sie zu verstehen. Ich mag mich an einen Kollegen erinnern, der vor etlichen Jahren an einem Tag 9 selbst gebastelte Ansichtskarten in einen Briefkasten geworfen hatte. Sie waren sehr kunstvoll gestaltet und auf jeder Karte stand ein Wort. Wenn man sie in die richtige Reihe legte, stand dort “Liebe Claudia willst du mich heiraten? Dein Thomas“
Er wartete sehr gespannt auf die Reaktion seiner Angebeteten. Aber es kam keine. Der Grund war einfach, 3 von den Karten kamen nie an. Angekommen ist die Botschaft Liebe Claudia du mich Dein. Sie haben trotzdem geheiratet und Thomas hat jegliches Vertrauen in die Post verloren. Verständlich. Hätte ich auch nach so einer Erfahrung.
Jetzt bin ich in den Ferien. Mit meinem Jungen laufe ich jeden Morgen zum Strand. Und da, wie im Beton gegossen, eine Inschrift aus Sand. “Joan willst du mich heiraten?“ Gestern Abend war der Strand noch leer. Mitten in der Nacht bei Kerzenlicht musste jemand sehr viel Arbeit geleistet haben. Ich bin gerührt und tief beindruckt. Was für eine Idee, was für ein Einsatz!!! Diese Inschrift an diesem wunderschönen Strand unter der philippinischen Sonne ist der Traum vieler Frauen.
Wir haben dann Joan kennengelernt und sie war von der Frage sehr angetan und hat JA gesagt. Ein perfektes Happyend! Für die zwei hat alles gestimmt. Sie waren jung, klug, hübsch, gebildet und verliebt. Sie aus Hongkong, er aus Singapur.
Für mich hat es nur bis zu diesem Zeitpunkt gestimmt, bis ich erfahren habe, dass die Sandanfrage von einem Hotelangestellten gebaut worden ist. Quasi im bezahlten Auftrag. Mein Missfallen ist ein persönliches Urteil, ich würde mir eine eigenhändige Ausführung wünschen. Da liegt die Grenze bei jeder Person anders.
Ich kann den Handarbeiten nicht viel abgewinnen. Ich kann ein Loch zunähen, einen Knopf wieder anbringen, aber jegliche Versuche zu stricken sind gescheitert. Die schulischen Handarbeiten waren mir ein Grauen und meine akzeptable Note in dem Fach verdanke ich Zdena, die meine missglückten Versuche soweit korrigierte und beendete, dass sie überhaupt benotet werden konnten. Ich habe ihr dafür in Mathematik ausgeholfen und somit war die Arbeitsteilung perfekt. Unser Nachbar Thomas, damals 40, fragte mich einmal, wann ich endlich stricken lernen werde. Ich war etwa 8 Jahre alt und antwortete “Nie!“. Er war irritiert und fragte, wie ich dann den Pullover bekomme, den ich gerne hätte, und ich sagte “Ich verdiene Geld und lasse jemanden den Pullover für mich stricken“.
Den Hochzeitsantrag hätte ich aber doch gerne als eigenes Werk. Aber wie gesagt, das ist Geschmacksache.