Michaela Merz

Es gibt keine dummen Fragen

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In der Schule hatte ich meine liebe Mühe mit Physik. Ich verstand im Unterricht nicht viel und spannend war es auch nicht wirklich. Ich musste mit dem Bus zur Schule fahren. Mit mir fuhr ein Mädchen aus der Parallel-Klasse. Ihr Vater war Physiker und arbeitete bei einem Institut. Einmal als er den gleichen Bus wie wir zwei nahm, fragte ich ihn, ob ich ihm eine dumme Physik Frage stellen kann. Er sagte, dass es gar keine dummen Fragen gibt, sondern nur Leute, die bestimmte Sachen schlecht oder überhaupt nicht erklären können. Er erklärte mir dann während 5 Busstationen das, was meine damalige Lehrerin in mehreren Stunden nicht geschafft hatte. Dazu noch spannend und unterhaltsam. Somit hatte ich dank unserer unregelmässigen Busfahrten immer noch relativ gute Noten in Physik gehabt. Von ihm habe ich auch gelernt, dass man auch die schwierigsten Sachen erklären kann, wenn man sie gut versteht und die Erklärung den Fähigkeiten des Zuhörers anpasst. Mit dieser These habe ich auch während meiner Ferien erfolgreich experimentiert. Ich arbeitete in einem Heim für Kinder mit schwierigem sozialem Hintergrund (das bedeutet, dass zum Beispiel ein Elternteil im Gefängnis sass), die grosse Lernschwierigkeiten hatten. Abstraktes Denken überstieg die Möglichkeiten dieser Kinder. Zusammen mit meinem damaligen Freund wollten wir ihnen unser Sonnensystem erklären, was alle für kaum möglich hielten. Wir grübelten lange wie wir das machen und entwickelten für sie ein Planetenspiel, in dem jedes Kind ein Planet war. Am Ende der Ferien konnten unsere Kinder unheimlich viel über das Sonnensystem erzählen und fragten uns eine Menge. Das Resultat war perfekt.

Später an der Universität fing ich an, in einer Fremdsprache zu studieren. Das war hart. Das Fach faszinierte mich, aber die Fremdsprache hinderte mich. Die deutsche Fachsprache ist auch keine leichte Kost. Ich erinnere mich wie wenn es gestern wäre, wie ich bestimmte Worte des Fachvokabulars im Schweisse meines Angesichts gelernt hatte. Ein Wort, das mich sicher 20 Minuten gekostet hat, war der sogenannte “Kapazitätserweiterungseffekt”. Schrecklich. Somit war ich in den ersten Semestern an der Universität sehr unsicher. Ich hatte mich kaum getraut zu fragen. Ich hatte Angst wegen meiner mangelnden Sprachkenntnisse ausgelacht zu werden. In der Schweiz herrscht eine sehr zurückhaltende Kultur was das Fragen anbetrifft. Man fragt einfach nicht. Sonst könnten die anderen noch meinen man weiss etwas nicht.

Einmal sass ich in einer Vorlesung und verstand nichts von dem, was der Professor vortrug. Das, was er erzählte, machte schlechthin keinen Sinn. Ich traute mich aber nicht zu fragen, weil ich dachte, dass dies mehr mit der Sprache als mit dem Inhalt zu tun hat. Ich wandte mich rechts und fragte meinen Sitznachbarn. “Verstehst du, was er meint?“ Er antwortete in lupenreinem Deutsch “Nein, ich verstehe ihn überhaupt nicht”. Ich drehte mich links und fragte meinen einheimischen Nachbarn auf der anderen Seite, ob er versteht, um was es geht. Aber auch er bestätigte, dass er keine Ahnung hat und nichts versteht. Kaum zu glauben. Da sitzen an die 300 Leute in einem Hörsaal, verstehen nicht um was es geht und keiner hat den Mut, die Hand zu heben und zu fragen.

Ich habe gelernt (und das muss gelernt werden) ohne Angst zu fragen. Solange man Fragen stellen kann, lässt sich die Welt verbessern. Dort wo Fragen nicht mehr erlaubt sind, wird es ungemütlich. Weil Schweigen lässt sich nicht widerlegen.

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