Es war so ein schöner Tag. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne schien und es war Sonntagmorgen. Wir hatten beschlossen, mit meinen Jüngsten (bald 6) eine Wanderung zu machen. Der Weg führte durch den Wald, der nach Pilzen und Feuchtigkeit riecht. Wir erzählten uns Phantasiegeschichten und marschierten nach Markierung. Plötzlich war der Wald zu Ende und vor uns eröffnete sich ein mächtiger Hügel mit bis auf die Erde abgefressenem Gras. Die Wiese war durch eine Hecke vom Wald abgetrennt, aber die Absperrung mit Holzbalken war offen.
Wir beide begannen den Hügel zu besteigen. Das wird eine super Aussicht, dachte ich mir, als wir uns der Spitze näherten. Der Aufstieg war lang und da es warm war, schwitzten wir beide. Überraschend waren die vielen Fliegen, die angezogen durch unseren Schweiss begannen uns zu belästigen. Es war immer mehr klar, dass der Hügel sehr hoch ist.
Wir betraten die Spitze und blieben wie angefroren stehen. Die Aussicht war tatsächlich atemberaubend. Bis weit ins Tal konnte man sehen und sich freuen. Allerdings raubte mir nicht die Aussicht den Atem, sondern eine riesige Herde ganz weisser Rinder, die auf der anderen Seite des Hügels graste. Ich wollte zum Rückzug blasen und ganz schweigsam rückwärts den Hügel verlassen und auf dem gleichen Weg zurück in den Wald marschieren.
Aber mein Kleiner rief mit sehr lauter Stimme “Mami, kuck mal, die Kuh hat ein Ring in der Nase“ und zeigte auf eine Stelle unter sich, wo etwa 200 m von uns ein prächtiges Exemplar graste. Er hatte nicht Recht gehabt, das war keine Kuh, das war ein Bulle.
Und der angesprochene Bulle, wie wenn er wüsste, dass wir über ihn sprechen, hob seinen Kopf und schaute in unsere Richtung. Die Herde hatte uns bemerkt und ich bekam Angst.
Ich habe eine ökonomische Ausbildung und auf dem Gymnasium hatte ich Biologieunterricht. Aber für die jetzige Situation hat mein Schulsack nichts in Angebot gehabt. Das erworbene Wissen, nämlich dass Rindvieh sich von Gras ernährt, hat mich nicht beruhigt. Ich sah die gemischte Herde mit vielen Kälbern und den Bullen mit seinem Metallring.“Was mach ich jetzt?“ fragte ich mich selber. Sollen wir weglaufen oder sollen wir uns ganz langsam bewegen? Können sie uns angreifen, weil sie uns als Gefahr sehen oder sind wir ihnen egal? Ich hatte keine Ahnung, was die richtige Entscheidung ist. Meine Hände wurden schweissnass.
Und dann erinnerte ich mich an ein Erlebnis, das viele Jahre zurückliegt. Ich war damals 5 Jahre alt. Etwa gleich alt wie mein Kleiner heute. Es war der letzte Sommer vor Schuleintritt. Ein Teil des Sommers habe ich in einem kleinen Dorf verbracht. Jeden Tag am Morgen ging ich mit Roy die Bullen hüten. Roy war etwa 60 Jahre alt, hatte fast keine Zähne mehr und ab und zu, wenn er besoffen war, schlief er mit Gummistiefeln in seinem Bett. Er war aber ein herzensguter Mensch und ich liebte ihn damals sehr. Wir haben uns damals blendend verstanden. Was und wie ich damals mit den Bullen gemacht hatte, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich weiss, dass ich jeden Tag einen langen frischen Stock hatte und mit dem habe ich die Tiere in Bewegung gebracht, wenn sie nicht gehen wollten.
Ich schaute mich um. Nur paar Schritte von mir standen Haselnusssträucher. Ich schnappte meinen Kleinen und wir gingen die 10 Schritte zu den Sträuchern. Langsam und ständig die Herde beobachtend. Ich nahm das Sackmesser aus meinem Hosensack, entschied mich schnell für einen dickeren, langen Ast und begann ihn abzusägen. Es ging nicht so gut und ich war sehr nervös. Mit einem Auge beobachtete ich, wie sich die ganze Herde ganz langsam in unsere Richtung kam. Ich sägte und sägte und die Schweissperlen rollten mir über das Gesicht in die Augen und vernebelten mir die Sicht. Ich hatte keine Zeit sie wegzuwischen. Ich brauchte diesen Stecken. Endlich war ich so weit. Die Erleichterung war gross, aber es war auch höchste Zeit. Die Herde stoppte etwa 20 Meter von uns und beobachtete uns. Mein Kleiner drückte sich ängstlich an mich.
Die Herde beobachtend befreite ich den Stecken von Blättern und kleinen Ästchen. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen, an der einen Hand hielt ich meinen Jungen und mit der anderen begann ich den Stecken zu schwingen. Ich rief so laut ich konnte mit tiefer Stimme “Hou, Mädls Hou“ und ging langsam und ständig rufend auf die Kühe zu. Mein Herz schlug wild und die Angst fühlte sich physisch an. Die Kühe schauten mich mit grossen Augen an und bewegen sich nicht. Ich ging aber entschlossen auf sie zu. Und plötzlich begannen sich die ersten zu drehen und die ganze Herde setzte sich ganz langsam in Bewegung. Ich musste warten bis sich die ganze Herde in Bewegung gesetzt hatte. Und dann gingen die Herde, mein Junge und ich, den 2m Ast immer noch in der Hand haltend, ganz langsam den Hügel hinunter.
Akademische Ausbildung ist sicher eine tolle Sache, aber praktische Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen.