Ein gewöhnlicher Sonntag

Als ich am Samstagabend nach Hause kam, führten mich meine ersten Schritte in meinen Gemüsegarten. Mein Gemüsegarten ist mein Stolz, mein Baby, meine Leidenschaft. Die Erfolge sind wie bei den eigenen Kindern durchmischt. Ab und zu klappt es hervorragend und dann essen wir, all unsere Nachbarn und die halbe Verwandtschaft in In- und Ausland die Früchte meines Werkes. So zum Beispiel als ich vor 6 Jahren Blumenkohl angepflanzt hatte und er ist gekommen aber wie!! Wir assen wochenlang Blumenkohlgerichte mit dem Resultat, dass sich seitdem die Kinder weigern, Blumenkohl zu essen. Bio hin oder her.

Mittlerweile bin ich aber bescheidener geworden und experimentiere nur begrenzt. Zu meinem Standardprogramm gehören Stangenbohnen, Tomaten und Zucchetti.

Das Wetter in diesem Frühling war stiefmütterlich. Es war kalt und nass und die Stangenbohnen sind nicht gekommen. Ich musste zwei Mal nachsetzen. Die dritte Saat kam aber hervorragend!! Es herrschte Freude. Vor einer Woche kam der fürchterliche Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 135 km pro Stunde, der mir nicht nur die Store abgerissen, das Tomatenhäuschen weggeweht, sondern auch die wunderbaren Tomatenpflanzen böse zugerichtet hatte. Den Bohnen hatte er nichts getan, schlechthin, weil sie noch nicht da waren!!!

Somit waren meine ersten Schritte am Samstagabend zu meinen Bohnenpflanzen. Sie waren da und wie. Sie sind alle gekommen, gediehen, verhiessen eine vielversprechende Zukunft. Ich freute mich und wie.

Am Sonntagmorgen stehe ich um 7.30 Uhr auf und trinke meinen ersten Kaffee. Es ist ruhig. In der Nacht hatte es geregnet, die Luft ist frisch, aber der Himmel unfreundlich.

Plötzlich verfinstert sich der Himmel und ohrenbetäubender Lärm verkündet einen Weltuntergang. Riesige walnussgrosse Hagelkörner prasseln gegen die Fenster. So stelle ich mir die Apokalypse vor. Mein Jüngster (5) erwacht erschrocken und ruft mit angsterfüllter Stimme nach mir. Zusammen beobachten wir machtlos das Naturspektakel.

Es dauerte ungewöhnlich lange, aber endlich war es vorbei. Wir ziehen die Gummistiefel an und laufen trotz des weiterhin heftigen Regens nach draussen. Hauptsache kein Hagel. Die Strasse ist grün und weiss. Grün von den abgehackten Blättern, weiss von den Hagelkörnern. Mein Gemüsegarten existiert nicht mehr. Der Hagel hat alle Pflanzen zerhackt, zerstückelt, vernichtet. Es ist nichts, aber wirklich gar nichts mehr da. Nur die Hagelkörner, die dafür zentimeterhoch. Ich schiebe sie weg, aber unter dieser Eisdecke konnte nichts überleben. Meine Blumen, mein Gemüse, meine Zimmerpflanzen, die ich vor einer Woche in die “Sommerferien“ zur Erholung nach draussen gestellt hatte, sind entweder gar nicht da oder es ragen nur ein paar kümmerliche und erbärmliche Stiele aus dem Boden.

Ich bin nahe am Weinen. Aber bevor ich anfangen konnte zu weinen, donnerte es heftig und ich sah wie sich die Birke in der Nachbarschaft löste und auf das Eckhaus fiel. Ich stand da, sprachlos und bewegungsunfähig.

Die paar Minuten reichten, um meinen Garten vollständig zu vernichten und wegen ein paar Sekunden muss der Nachbar das Dach reparieren. Im Vergleich mit einem umgefallenen Baum ist ein verwüsteter Garten nur eine Lappalie. Das zeigt wieder wie relativ alles ist. Die Tränen spare ich mir für später. Vielleicht setze ich die Bohnen das vierte Mal an, wenn es aufhört zu regnen!!!

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