Dita & Marta

Dita und Marta sind Zwillinge. Doch sie sind sich weder im Aussehen noch im Charakter ähnlich. Was sie teilten, ist eine hohe Intelligenz. Dita ist ihr Leben lang schlank, sportlich, diszipliniert, pflichtbewusst und ehrgeizig. Ab 40 sah sie fast immer gleich aus. Marta hingegen ist mollig bis dick, kränklich, faul und verursachte regelmäßig Probleme. Dazu sieht sie ungepflegt aus. Sie sind Geschwister, aber durch ihre Unterschiedlichkeit teilten sie nur wenige Interessen und unternahmen kaum etwas zusammen. Jede von ihnen bildete ihren eigenen Freundeskreis, und es war kein Geheimnis, dass die Eltern Dita vorzogen. Es war spürbar und sichtbar, was dazu führte, dass Marta Dita nicht mochte und auf sie neidisch war.

Dita, mit ihrer Disziplin und Intelligenz, machte eine traumhafte Karriere, verdiente viel Geld und schaffte es, eine materielle Basis zu bilden, die auch nach ihrer Pensionierung problemlos mehrere Personen aus laufenden Erträgen versorgen konnte. Marta schaffte zwar ohne Probleme ihre Schulabschlüsse und den Einstieg ins Berufsleben, doch mit ihrer Faulheit war an eine Karriere nicht zu denken. Das frustrierte Marta, aber sie war unfähig, etwas daran zu ändern. Ihre Frustration fraß sie weg, wodurch sie dick und noch frustrierter wurde. Essen half nicht mehr, und Marta begann zu trinken. Das Trinken versteckte sie eine Zeit lang, doch irgendwann vergaß sie, wo sie die leere Flasche versteckt hatte, und die Familie begann es zu merken. Nach mehreren Jahren Leidensweg entschied sich Marta für eine stationäre Therapie.

Diese war hart, sehr hart. Es war beeindruckend, dass Marta sie bis zum Ende durchgezogen hatte. Nur Dita wusste, was der eigentliche Grund war: Martas Mann hatte gedroht, dass er Marta aus der Wohnung werfen würde (schließlich gehörte die Wohnung ihm), wenn sie die Therapie nicht beendete. Marta hatte Angst, allein zu bleiben, und zog die Therapie durch. Nach der Therapie bedeutete es für sie, nie wieder ein Glas Alkohol anzurühren, und Marta hielt durch. Aber der Frust und der Vergleich mit der erfolgreichen Zwillingsschwester blieben. Mit fast 40 Jahren begann Marta zu rauchen, und die während der Therapie verlorenen Kilos hatte sie sich schnell wieder angefressen. Etwa fünf Jahre funktionierte Marta eher schlecht als recht, dann begann sie wieder zu trinken. Ihr Mann warf sie aus der Wohnung und ließ sich von ihr scheiden. Marta war am Tiefpunkt angelangt, doch sie raffte sich zusammen, um eine neue Therapie zu beginnen. Seit der zweiten Therapie trinkt Marta keinen Alkohol mehr – wahrscheinlich der größte Erfolg in ihrem Leben. Seitdem unterstützt Dita Marta monatlich mit Geld. Dita zahlt und weiß, dass sie bis ans Ende ihrer Tage ihre Schwester finanziell unterstützen wird – aus Pflichtbewusstsein, basierend auf der Blutsverwandtschaft. Auch Dita hat Marta nicht gern. Dita ekelt sich vor dem Dreck in Martas Wohnung, den schimmelnden Lebensmitteln in Martas Kühlschrank, dem Geruch der Zigaretten und der verdreckten Bettwäsche mit Essensresten, weil Marta im Bett isst. Dita wäre Marta gerne los, genauso wie Marta gerne Dita los wäre. Aber das geht nicht. Marta braucht Ditas Geld, und Ditas Pflichtbewusstsein erlaubt kein anderes Handeln. Es ist eine verzwickte und unlösbare Situation. Ein gutes Ende wird es nicht geben, und das Einzige, was die Zwillingsschwestern trennen kann, ist der Tod der einen oder der anderen.

Leave a comment